4. Dezember 2009
Barbaratag
Lied des Tages:
Nikolaus, Nikolaus

Mit Weihnachtsrolf um die Welt
Ich möchte Sie einladen, mit mir zusammen um die Welt zu reisen, und jeden Tag bis Weihnachten einen anderen weihnachtlichen Schauplatz aufzusuchen.
ein sehr großer Weihnachtsbaum steht in Oregon, Blue River, über 50.000 Led-Lampen beleuchten dieses Prachtstück.

Geschichte des Tages: Später
Besuch

Heute
ist der Tag der Heiligen Barbara. Ihre Geschichte erzähle ich im
Bereich
Brauchtum.
Von den Zweigen, die man am 4. Dezember ins Zimmer holt, damit sie zu
Weihnachten blühen, heißt es, daß sie uns Zukünftiges prophezeien: Früher,
als junge Mädchen in einer guten Partie die beste Zukunft sahen, stellten
sie Zweige mit den Namen ihrer Favoriten ins Wasser. Verdorrte ein Zweig,
war die Sache klar, bei allen anderen wurde es dann richtig spannend.
Ein Anleitung für ein Gesteck mit Barbara-Zweigen findet ihr im
Bereich Basteln

Später
Besuch
Eckhard Müller
Es war Anfang Dezember 1945. Der Zweite Weltkrieg hatte sein Ende gefunden.
Seit einem halben Jahr schwiegen die Waffen. Wir erwarteten das erste
friedliche Weihnachtsfest seit sechs Jahren.
Das Leben hatte sich zunehmend normalisiert. Obwohl die Menschen in unserer
ländlichen Gegend nicht in so hohem Maße unter dem Bombenterror
zu leiden brauchten wie die Menschen in den Städten, war auch hier
der Kriegsschrecken nicht spurlos vorübergegangen. Nun hieß
es, zusammenrücken, denn der Strom von Flüchtlingen und Obdachlosen
aus den Ostgebieten und aus den Großstädten hielt an. Wer noch
ein Zimmer oder eine Kammer in seinem Hause zur Verfügung stellen
konnte, nahm eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Es gab eine für
heutige Verhältnisse unvorstellbare Solidarität. Das wenige,
das man selber noch besaß, wurde geteilt mit denen, die alles verloren
hatten.
Unser kleines Fachwerkhaus, das ich mit meinen Eltern und mit meiner Großmutter
bewohnte, teilten wir seit den letzten Kriegstagen mit einem älteren
Ehepaar. Es waren entfernte Verwandte, und sie hatten in einer Bombennacht
ihre ganze Habe verloren. Nun waren sie froh, bei uns wenigstens wieder
ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben.
Die Militärregierung der Siegermächte hatte die zivile Verwaltung
in ihre Hand genommen und somit Gesetz und Ordnung wiederhergestellt.
Trotzdem waren die Zeiten noch sehr unruhig. Immer wieder machten umherstreunende
Banden von sich reden. Es entstanden die wildesten Gerüchte. Man
hörte von Greueltaten - auch aus einigen Dörfern in unserer
Gemeinde. Denn der Schutz des Gesetzes war noch nicht überall gewährleistet.
Diese umherziehenden Gruppen setzten sich zum großen Teil aus ehemaligen
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Osteuropa zusammen. Nach Wiedererlangung
ihrer Freiheit waren viele von ihnen nicht mehr gewillt oder in der Lage,
in ihre Heimat zurückzukehren. Was man ihnen nicht freiwillig gab,
nahmen sie sich mit Gewalt. Dabei kam es auch verschiedentlich zu Übergriffen
und Racheakten gegenüber ihren früheren Unterdrückern.
Nach Einbruch der Dunkelheit war es ratsam, Fenster und Türen gut
zu verschließen. Wer draußen noch irgendeine Arbeit zu verrichten
hatte, trug Sorge, sich nicht allzuweit von den schützenden Häusern
zu entfernen.
Es war an einem solchen Abend in der Vorweihnachtszeit, ich glaube, es
war am Abend des zweiten Advent. Meine Eltern waren eben mit der Stallarbeit
fertiggeworden und wir schickten uns an, das Abendbrot zu essen, als plötzlich
an unsere Haustür geklopft wurde. Mein Vater begab sich nach draußen,
um nachzuschauen. Neugierig gesellte ich mich zu ihm. Ich war damals neun
Jahre alt.
Da stand in der Dunkelheit ein gutes halbes Dutzend Männer. In gebrochenem
Deutsch baten sie um ein Quartier für die Nacht.
Zögernd ließ mein Vater sie eintreten. Nachdem sie in unserer
Wohnstube Platz genommen hatten, konnten wir sie im Scheine der Lampe
näher betrachten. Sehr vertrauenerweckend sahen sie nicht aus. Das
Leben auf der Landstraße hatte sie gezeichnet.
Während meine Mutter das Abendbrot zubereitete, versuchte mein Vater
etwas über das Schicksal der Männer zu erfahren. Nach der einfachen,
mit wenigen Mitteln zubereiteten, aber kräftigen Mahlzeit wurde beratschlagt,
wie und wo man die Männer für die Nacht unterbringen könnte.
Im Hause selber war es, nicht zuletzt durch unsere Verwandten als neue
Mitbewohner, ziemlich eng geworden. Also blieb nur noch die Scheune. Im
Scheunenanbau befand sich der Holzschuppen, dort lagerte auch das Heu
als Wintervorrat für unsere beiden Kühe. Hier im Heu richteten
nun meine Eltern mit allerlei Decken und alten Mänteln ein warmes
und bequemes Nachtlager her. Unsere alte Petroleumlampe sorgte für
die nötige Helligkeit.
Kurz vor Schlafenszeit entschloß sich mein Vater zu einem "Kontrollgang",
wie er sich ausdrückte. Es ließ ihm nämlich keine Ruhe,
ob sich unsere Gäste auch an die Abmachung gehalten hatten, wegen
der großen Brandgefahr auf das Rauchen zu verzichten. Meine Mutter
bat mich mitzugehen. Im Beisein eines Kindes - so meinte sie - wäre
mein Vater sicherer vor eventuellen Übergriffen.
Als wir den Holzschuppen betraten, bot sich uns im Schein der Laterne
ein Bild, das ich bis heute nicht vergessen habe: Da hatte sich ein Teil
der Männer unserer Sägen bemächtigt und sie schnitten nun
die schweren Stämme, die hier als Brennholz lagerten, in Ofenlänge
durch. Die anderen spalteten die klobigen Klötze mit dem Beil zu
handlichen Scheiten und stapelten sie auf. Das alles bereitete ihnen ein
sichtliches Vergnügen, umso mehr, als sie nun unsere ungläubigen
und erstaunten Blicke sahen. Sie erklärten, das sei nur ein kleiner
Dank für die freundliche Aufnahme.
Am anderen Morgen sind sie dann nach einem guten Frühstück -
nicht ohne ein großes Butterbrotpaket, das jeder von ihnen zum Abschied
in die Hand gedrückt bekam - weitergezogen, einer ungewissen Zukunft
entgegen.
Viele Jahre sind seitdem ins Land gegangen, doch immer wieder muß
ich an jenen Dezemberabend denken, an dem die Angst, die Voreingenommenheit
und das Mißtrauen besiegt wurden durch ein wenig Menschenfreundlichkeit.
[Oberholz bei Much, Rhein-Sieg-Kreis
im Bergischen Land;
Dezember 1945]
Unvergessene Weihnachten
Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten 1918-1959
ISBN 3-933336-73-2, EUR 4,90
Zeitgut Verlag GmbH, Berlin
www.zeitgut.com
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