Das attraktive Seifenschälchen
von Rita Fehling
War das mal wieder ein Stress dieses Jahr vor dem Fest! Essen vorbereitet
für drei Tage, die Wohnung geputzt und dekoriert, Weihnachtskarten
geschrieben und viele, viele Geschenke gekauft. Morgen ist Heiligabend
und ich bin heilfroh, dass jetzt wirklich alles fertig ist. Jetzt können
wir uns in Ruhe auf die Feiertage freuen. Was jetzt nicht besorgt ist,
das fehlt dann eben.
Da fällt mir ein, dass ich meiner Nachbarin, Frau Neuhaus, versprochen
hatte, nochmal kurz auf eine Tasse Kaffee bei ihr vorbeizukommen. Kann
man einen Tag vor Weihnachten jemanden besuchen, ohne ein Geschenk dabei
zu haben? Eigentlich nicht. Weihnachten ist doch das Fest des Gebens.
Aber was tun? Die Geschäfte sind geschlossen. Da habe ich die rettende
Idee und mir fällt ein, dass ich zu einem ähnlichen Anlass im
letzten Jahr von der Mutter eines Freundes meines Sohnes ein attraktives
Seifenschälchen bekommen habe. Es sah ein bisschen aus wie ein Werbegeschenk,
das man bei diesen Kaffeefahrten bekommt. Ich habe es nicht benutzt, genauer
gesagt hatte ich es ausgepackt und irgendwo in der Schublade verstaut,
in der die Dinge aufbewahrt werden, für die es keinen richtigen Platz
gibt. Ja, denke ich, Seifenschälchen gehen immer. Ich krame das etwas
verstaubte Teil aus der Schublade hervor, packe es noch nett ein und mache
mich auf den Weg zu meiner Nachbarin. Sie hatte noch ein paar andere Frauen
eingeladen.
Er war wirklich nett, unser kleiner vorweihnachtlicher Plausch bei Kaffee,
Kuchen und Kerzenlicht. Bis auf die Kleinigkeit und Peinlichkeit, als
die Nachbarin die mitgebrachten Geschenke auspackte. Frau Jäger,
besagte Mutter des Freundes meines Sohnes, war nämlich auch da und
ich wollte am liebsten im Boden versinken, wenn ich mir vorstellte, was
passieren würden wenn sie ihr Seifenschälchen wieder erkannte.
"Ach, wie entzückend, ein Kerzenständer!" Frau Neuhaus
war begeistert. Der Kerzenständer war eine Gabe von Frau Martin von
gegenüber. Frau Neuhaus strahlte Frau Martin an und bedankte sich.
Die aber strahlte nicht zurück sondern sah hochroten Kopfes die neben
sich sitzende Frau Jäger an, die ziemlich zynisch zischte: "Der
kommt mir aber bekannt vor." Vermutlich hatte Frau Jäger also
im letzten Jahr den Kerzenständer Frau Martin geschenkt, die ihn
in diesem Jahr an Frau Neuhaus weitergereicht hatte. Kein Grund zur Aufregung,
dachte ich noch, als Frau Neuhaus mein Päckchen mit dem attraktiven
Seifenschälchen auspackte. "Wunderschön", rief sie
und ich warf einen demütigen Blick auf Frau Jäger. Doch die
schien sich, manchmal hat man eben Glück, nicht an das Seifenschälchen
zu erinnern. Inzwischen packte meine Nachbarin das nächste Geschenk
aus mit den Worten: "Ich bitte Sie, das wär doch nicht nötig
gewesen, Sie sollten mir doch nichts mitbringen."
Nein, das hätten wir wohl nicht tun sollen, denn in dem Paket von
Frau Becker steckte ein mit weihnachtlichen Motiven geschmückter
Kaffeebecher, dessen Anblick Frau Neuhaus mit großer Wiedersehensfreude
erfüllte.
Ich habe später alle Beteiligten getrennt voneinander befragt, konnte
aber den Gang von Kerzenständer, Seifenschälchen und Kaffeebecher
nicht ganz bis zum Jahr des käuflichen Erwerbens zurückverfolgen.
Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen alle Damen vor Jahren
einmal an einer Kaffeefahrt teilgenommen haben.
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