Die verlorene Weihnachtsgeschichte
Verfasser noch unbekannt
eingeschickt von Irene Lafontaine
Es gab einmal einen Engel, der hatte eigentlich seinen festen Platz bei
den
himmlischen Heerscharen und hatte bis jetzt auch noch an nichts anderes
gedacht, als
zur rechten Zeit seine Harfe anzuschlagen und seinen weißen Arbeitsanzug
sauber zu
halten. Das ging schon seit vielen tausend Jahren so und Jonny, so hieß
er, hätte
sich nicht träumen lassen, dass sich daran noch mal etwas ändern
würde. Träumen war
übrigens auch nicht seine Sache, war er selber doch nicht weniger
als ein Traum.
Aber es kam doch anders. Der Herrgott, den er immer sehr gerne mochte,
weil er
immer so schön gütig war und sich noch nie beschwert hatte,
wenn er mal einen
falschen Ton auf seiner Harfe angeschlagen hatte, hatte nämlich einen
himmlischen
Plan gefasst. Und zwar hatte er sich entschlossen, dass es an der Zeit
wäre, den
Menschen ein Zeichen zu geben, dass es den Herrgott noch gäbe.
Dazu schien es Gott auch höchste Zeit zu sein, denn die Menschen
waren gerade
eifrig dabei, immer mehr von dem kaputt zu machen, was er doch mal mit
so viel Mühe
geschaffen hatte. Gott wurde angst und bange, wenn er nach unten blickte.
Gerade
neulich hatte ihn wieder ein furchtbarer Knall aus dem Schlaf gerissen
und es hatte
bis zu ihm herauf geblitzt. Den Engeln hatte es fast den Heiligenschein
weggeblasen.
Gott rief also den Jonny zu sich und sprach sehr lange und ernsthaft
mit ihm über
seine Sorgen. Schon einmal hätte er versucht, den Menschen etwas
Klarheit zu
schenken, damit sie nicht mehr soviel kaputt machen müssten. Damals
hätten sie da
unten schon die gleichen Probleme gehabt: Die einen waren reich und die
anderen
versklavt und glücklich war niemand.
Damals war auch ein Bote auf die Erde geschickt worden, erzählte
Herrgott. Aber die
Mission war nicht wunschgemäß verlaufen: Zuerst war der menschliche
Körper des
Boten ermordet worden und dann hatten die Menschen noch eine fürchterlich
sentimentale Geschichte aus seinem Leben gemacht. Eine Geschichte, die
sich die
Menschen zwar immer wieder zur Belebung des Weihnachtsfestes anhörten
aber
überhaupt nicht mehr zuhörten. Und daher kam die Liebe, die
in der Geschichte
steckte, überhaupt nicht mehr hervor und die Welt wurde kälter
und kälter.
Darum hatte sich Gott also nun entschlossen, einen neuen Versuch zu starten,
bevor
sich die Menschen vor lauter Unglück alle gegenseitig umgebracht
hatten.
Also meinte Gott: "Pass auf Jonny, du nimmst dir jetzt deine Harfe,
ziehst deinen
leuchtenden Arbeitsanzug an und dann gehst du runter auf die Erde. Dort
musst du dir
dann jemanden suchen, der oder die diese Weihnachtsgeschichte wirklich
und ernsthaft
verstanden hat. Den oder die musst du dann bitten und ermutigen und ihm
oder ihr die
Kraft geben, sie allen anderen Menschen zu erzählen. Während
dieser Erzählungen
musst du dann immer auf deiner himmlischen Harfe spielen, damit sie das
Herz der
Menschen aufschließt. Alles was in der Weihnachtsgeschichte erzählt
wird, wird dann
direkt in das Herz der Menschen dringen und dann ist die Welt bestimmt
gerettet."
So einfach war das also. Jonny war begeistert. Da Heiligabend nicht mehr
fern war,
machte er sich auch gleich auf den Weg zu den Menschen. Er überlegte,
welche
Menschen die Weihnachtsgeschichte wohl am dringendsten nötig hätten.
Nachdem
er einige Zeit auf die Erde heruntergeschaut hatte, kam er auf die sogenannten
zivilisierten Menschen in diesen sogenannten reichen Ländern.
Es war aber gar nicht einfach in diesen Ländern einen Menschen zu
finden, der als
Erzähler oder Erzählern in Frage käme.
In einer Einkaufsstraße fand Jonny einen Mann mit einem gemütlich
aussehenden Bart,
einer Zipfelmütze und mit Kindern um ihn herumstehend, der erzählte
Weihnachtsmärchen. "Das muss er sein," dachte Jonny und
schwebte zu ihm herunter.
Aber um so näher er kam um so verwirrter wurde er: die Kinder hörten
ja gar nicht
zu! Woran lag das nur? Und dann merkte er, dass der Mann in ein Mikrophon
sprach so dass die Kinder gar nicht seine wirkliche Stimme hörten
sondern nur ein hässliches
Gekrächze. Und der Bart war nicht echt, die Mütze war aus Pappe
und als er dann noch in die Gedanken des Mannes schaute, sah er dort nur
seine nächste
Gehaltsabrechnung. Die Geschichte, die er erzählte, interessierte
ihn überhaupt
nicht, obwohl sie wirklich sehr schön war. Außerdem war er
noch von so hellen Lampen angeleuchtet, dass er seine Zuhörerschaft
gar nicht anschauen konnte.
Das war es also nicht. Schnell schwebte Jonny weiter. "Sind die
Menschen etwa alle
so?" fragte er sich verzweifelt. Da kam er an einer Kirche vorbei,
die war zu Ehren
Gottes aufgebaut worden, erinnerte er sich. Das musste also eine Stelle
sein, wo
die Menschen noch von Gott und seiner Liebe wussten. Schnell schwebte
Jonny
herunter. Tatsächlich, der Oberpriester erzählte gerade die
Weihnachtsgeschichte.
Aber was war das? Die wenigen Zuhörer waren ja gar nicht von der
Liebe der
Geschichte erfüllt!
Wäre das der Fall gewesen hätten sie sich doch umarmen müssen,
zumindest ab und zu
einmal anlächeln. Aber nichts von alledem. Jonny spürte auch
den Grund. Der Pastor
glaubte und fühlte selbst nicht, was er erzählte. Er hatte die
Geschichte jahrelang
studiert, zerpflückt, analysiert, hinterfragt, so dass von der Wärme,
den feinen
unberührbaren Zusammenhängen nichts mehr übrig war. Deshalb
konnte er die
Geschichten auch nicht mehr erzählen. Er erzählte den Menschen
daher Dinge aus ihrer
Welt, einer Welt, die sie kannten, deren Einsamkeit sie kannten und in
der sie es
dem Pastor natürlich auch nicht glaubten, wenn er von Gemeinsamkeit
und
Nächstenliebe sprach.
Niedergeschlagen verließ Jonny die Kirche. Sollte es auf dieser
Welt etwa niemanden
mehr geben, der die Weihnachtsgeschichte wirklich erzählen konnte?
Er schwebte
weiter, vorbei an den hektischen, geschenkehortenden Menschen, den stinkenden
Autos und dem Lärm. Solange, bis es stiller wurde, bis die Menschen
weniger und
stiller wurden, bis dahin, wo die Stadt den Schnee nicht mehr zu einem
endlosen
grauen Matsch einschmolz und noch weiter.
Und Jonny fand ein kleines Dorf, im Norden eine Kirche, in der Mitte
ein Haus,
darin ein warmes Zimmer mit einem Ofen und daneben ein Mädchen hinter
einem
Spinnrad. Es spann Wolle und dachte dabei an die Schafe, die die Wolle
für die
Menschen hergaben und an die Hirten, die dort draußen in der Kälte
auf die Schafe
aufpassten. Und das Mädchen mochte die Schafe und die Hirten und
überhaupt die
Menschen und ganz besonders die Kinder. Es spürte deshalb, was die
unschuldige Liebe eines Kindes der Welt der Erwachsenen geben konnte und
dass manche der Hirten dort draußen in der Kälte sehr viel
mehr Wärme übrig hatten, als dieser Landpfleger in seinem warmen
Palast.
Und was das Wichtigste für Jonny war, das Mädchen kannte auch
die
Weihnachtsgeschichte. Sie erzählte sie manchmal kleinen Kindern,
auf die sie
aufpasste um Geld zu verdienen und sie wurde auch verstanden. Die Augen
der Zuhörer
fingen dann an zu leuchten und die Wärme der Geschichte sprang auf
sie über. Nur die
meisten älteren Leute verstanden nur wenig. Deren Herzen waren schon
zu fest
verriegelt.
"Endlich," dachte Jonny, "hier ist meine Aufgabe, hier
habe ich den Menschen
gefunden, der die Welt retten kann.
Und Jonny holte seine Harfe heraus und schlug sie an. Plötzlich
war die Welt um das
Mädchen wie verzaubert. Menschen, die vorher gar kein Interesse an
der Geschichte
hatten, kamen plötzlich herbei, baten, die Geschichte zu erzählen,
hörten zu, tauten
innen drin auf, wurden lebendig und verstanden die Geschichte mit Begeisterung.
Ihre Herzen schlugen höher und die Menschen erzählten die Geschichte
weiter, denn
sie hatten gemerkt, wie viel Liebe sich Menschen geben können.
Die Menschen sahen auf einmal, wie grau die Welt, die sie sich erschaffen
hatten
war. Sie wollten auf einmal leben, weil sie an das lebende Kind im Stall
von
Bethlehem dachten. Sie nahmen alle ihre Bomben auseinander und verbuddelten
sie tief
unter der Erde. Dann trafen sie sich überall, um die Weihnachtsgeschichte
zu hören
und sie nahmen sich die Zeit dazu, die sie vorher nie gehabt zu haben
glaubten.
Jonny spielte sich die Finger wund und das Mädchen begann heiser
zu werden aber die
beiden waren froh. Und Jonny merkte, dass sein Plan oder vielmehr der
des lieben
Herrgottes aufgegangen war.
Und so gaben die beiden so viel von ihrer doppelten Liebe, der Liebe
des Menschen,
die mit himmlischer Hilfe auf offene Herzen traf, an die Menschen weiter,
dass die
Welt ein ganz kleines Stück besser wurde.
Das Einzige, was das Mädchen und auch Jonny nicht wussten und was
ihnen manchen
Zweifel erspart hätte, war folgendes: Gott hatte viele, viele, viele
Jonnys auf die
Erde geschickt und in jeder Ecke und überall fanden sie Menschen,
ein Mädchen, einen
Jungen, einen Mann, eine Frau, die die Weihnachtsgeschichte noch verstanden.
Und all
die Jonnys halfen all den Menschen, sie weiter zu erzählen. Und darum
scheint es
doch so zu sein, dass die Welt noch nicht ganz verloren ist.
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