Diese lebendige Erzählung ist in ihrer Art ein kleiner
Klassiker geworden, Zum ersten Mal entfaltete sie ihren Zauber 1892, als
sie beim Weihnachtsgottesdienst in einer presbytanischen Kirche in New
York vorgelesen wurde. Seither ist sie in 13 Sprachen übersetzt, um die
ganze Welt gegangen. Millionen haben sich beflügeln lassen von ihrer Botschaft
des Glaubensmutes - und von dem Gedanken: Es gibt ein Scheitern, das ist
besser als jeder Erfolg.
Der vierte Weise aus dem Morgenland
nach einer Erzählung von Henry Van Dyke (1852 -
1933)
Zu der Zeit als Kaiser Augustus Herr über viele Könige war und in Jerusalem
Herodes regierte, lebte in der Stadt Ekbatana in den Bergen Persiens ein
gewisser Artaban der Meder. Vom Dach seines Hauses schweifte der Blick
über die ragenden Zinnen der sieben Mauern, die die königliche Schatzkammer
umgaben, bis zu dem Hügel, auf dem der Sommerpalast der Partherherrscher
gleich einem Kronjuwel schimmerte.
Rings um Artabans Wohnhaus breitete sich ein schöner Garten, ein Labyrinth
aus Blumen und Obstbäumen, gewässert von Bächen, die von den Hängen des
Orontes herabplätscherten, und durchflötet von Vögeln ohne Zahl. Doch
im weichduftigen Dunkel der Nacht im späten September waren alle Laute
verstummt bis auf das plätschern des Wassers. Hoch über den Bäumen schien
ein schwacher Lichtglanz durch die gardinenverhängten Fensterbögen des
Obergemachs, wo der Herr des Hauses im Begriff war, mit seinen Freunden
Rat zu halten.
Er war ein hochgewachsener, dunkelhäutiger Mann von etwa 40 Jahren. Eng
standen die feurigen Augen unter den Brauen, und um die feinen schmalen
Lippen hatten sich strenge Linien eingegraben: Die Stirn eines Träumers
und der Mund eines Kriegers, eines Mannes von feinem Empfinden, aber unbeugsamen
Willen. Sein Gewand das er über der seidenen Tunika trug, war von reiner
weißer Wolle, und eine weiße, spitze Mütze saß auf seinem wallenden Schwarzhaar.
Es war das Kleid der alten Priestergilde, der Magier, auch Feueranbeter
genannt.
"Willkommen" sagte er mit seiner gedämpften, angenehmen Stimme als einer
nach dem anderen den Raum betrat. "Ihr seid alle willkommen und die Freude
eurer Gegenwart erhellt mein Haus."
Es waren neun Männer von unterschiedlichem Alter, doch gleicher Pracht
der Kleidung. Der Kragen aus purem Gold bezeichnete sie als Edelleute
des Parthervolkes, und auf der Brust trugen sie den goldenen Flügelkreis,
das Abzeichen der Jünger Zoroasters. Sie nahmen um einen kleinen schwarzen
Altar am Ende des Raumes Platz, auf dem eine winzige Flamme brannte. Artaban,
der neben dem Altar stand und einen Wedel aus dünnen Tamariskenzweigen
über dem Feuer schwenkte, nährte die Flamme mit dürrem Föhrenreisig und
wohlriechenden Ölen. Dann stimmte er den alten Gesang an, und die Stimmen
seiner Gefährten fielen ein in den schönen Hymnus an Ahura Masda: "Wir
verehren den göttlichen Geist,
den Träger von Weisheit und Güte...."
Das Feuer züngelte auf unter dem Gesang und flackerte, als nehme die Flamme
selbst teil an der Musik, bis es das ganze Gemach erleuchtete. Dessen
Boden war ausgelegt mit weißgeäderten blauen Fliesen. Gedrehte Silberpilaster
ragten vor den blauen Wänden auf; der Lichtgaden aus Bogenfenstern war
mit azurener Seide verhängt; die Deckenwölbung war ein Mosaik von Saphiren,
klar wie das Firmament, übersät mit silbernen Sternen. Am östlichen Ende
hinter dem Altar befanden sich zwei dunkelrote Säulen aus Porphyr, und
der Durchgang zwischen ihnen, der auf die Terrasse hinausführte, war bedeckt
mit einem schweren Vorhang von der Farbe reifer Granatäpfel, bestickt
mit zahllosen goldenen, vom Boden aufschießenden Strahlen.
So bot der Raum das Bild einer stillen Sternennacht, ganz Silber und Azur,
im Osten angehaucht von rosiger Morgenverheißung. Er war, wie es sein
soll, Ausdruck von Charakter und Geist des Hausherrn.
Der Gesang ging zu Ende, Artaban lud seine Gefährten ein, sich auf den
Diwan zu setzten, und sagte: "Als getreue Schüler Zoroasters seid ihr
heute Abend meinem Ruf gefolgt, um von neuem dem Gott der Reinheit eure
Anbetung und euer Bekenntnis darzubringen, gleichwie das Feuer auf diesem
Altar neu entzündet worden ist. Nicht das Feuer beten wir an, sondern
ihn, dessen erkorenes Bildes ist als das lauterste aller geschaffenen
Dinge. Es spricht zu uns von einem, der Licht und Wahrheit ist. ist es
nicht so, mein Vater?"
"Das ist wohl gesprochen, mein Sohn", antwortete der ehrwürdige Abgarus.
"Die Erleuchteten sind niemals Götzendiener, sie heben den Schleier der
Form und treten ein ins Heiligtum der Wirklichkeit."
"Hört mich denn, mein Vater und meine Freunde", sagte Artaban. "zusammen
haben wir nach den Geheimnissen der Natur geforscht und die heilenden
Kräfte der Pflanzen, des Wassers und des Feuers studiert. Wir haben auch
die Bücher der Prophezeiung gelesen, in denen die Zukunft verhüllt geweissagt
wird. Doch der Gipfel aller Gelehrsamkeit ist die Kenntnis der Sterne.
Ihrem Lauf nachzuspüren, heißt die Fäden des Lebensmysteriums von Anfang
bis Ende zu entwirren. Aber ist unsere Kenntnis nicht noch unvollständig?
Gibt es nicht außerhalb unseres Gesichtskreises noch viele Sterne - Lichter,
die nur die Bewohner des fernen Südlandes kennen unter den Gewürzbäumen
von Punt und bei den Goldminen von Ophir?"
Es erhob sich ein Murmeln der Zustimmung.
"Die Sterne", sagte Tigranes, "sind die Gedanken des ewigen. Sie sind
ohne Zahl. Die Weisheit der Magier ist die größte Weisheit auf Erden,
weil sie um ihre Unwissenheit weiß. Und das ist das Geheimnis der Macht.
Wir haben Männer angestellt, die allezeit nach einem neuen Sonnenaufgang
Ausschau halten. Doch wir selbst wissen, dass die Dunkelheit dem Licht
ebenbürtig ist und dass der Kampf zwischen ihnen niemals enden wird."
"Das ist mir nicht genug", sagte Artaban. "Denn wenn das Warten endlos
unerfüllt bleiben muss, dann wäre es keine Weisheit, Ausschau zu halten
und zu hoffen. Zur bestimmten Zeit wird er gewiss dämmern, der neue Sonnenaufgang.
Sagen uns das nicht unsere Bücher, dass die Menschen sehen werden die
Helligkeit eines großen Lichts?"
"Das ist wahr", sagte Abgarus . "Jeder treue Jünger Zoroasters kennt die
Weissagung: ,An jenem Tage wird Sosiosch der Sieger auferstehen aus den
Propheten. Um ihn wird scheinen ein gewaltiger Glanz; ewig, unzerstörbar
und unsterblich wird er das Leben machen, und die Toten werden wieder
erstehen.´"
"Mein Vater", sagte Artaban, und sein Gesicht leuchtete,"ich habe diese
Weissagung in meinem Herzen getragen. Glaube ohne große Hoffnung wäre
wie ein Altar ohne lebendiges Feuer. Und jetzt bei dem Licht der Flamme
habe ich andere Worte gelesen, die noch klarer davon sprechen." Er zog
aus seiner Tunika zwei beschriebene kleine Rollen aus feinem Leinen. "Lange
ehe unsere Väter in das Land um Babylon kamen, lebten weise Männer in
Chaldäa, von denen der erste der Magier das Geheimnis der Himmel lernte.
Und von diesen war Bileam einer der mächtigsten. Höret die Worte seiner
Weissagung: ,Es soll ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Szepter soll
erwachsen aus Israel.´"
"Juda war ein Gefangener an den Wassern Babylons", sagte Tigranes verächtlich,
"und die Söhne Jakobs waren Vasallen unserer Könige. Die Stämme Israels
sind über die Berge verstreut wie verlorene Schafe. Aus dem Rest, der
unter Roms Joch in Judäa wohnt, wird weder Stern noch Szepter erwachsen."
"Und doch", erwiderte Artaban, "war es der Hebräer Daniel, der mächtige
Erforscher von Träumen, der weise Belsazar, den unser großer König Kyros
am meisten ehrte und liebte. Als sicherer Prophet und Leser der Gedanken
Gottes erwies sich Daniel unserem Volk. Und er schrieb:,So wisse nun und
merke: von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, dass Jerusalem soll wiederum
gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Fürsten, sind sieben Wochen,
und zweiundsechzig Wochen.´"
"Aber, mein Sohn", sprach Abgarus,"das sind mystische Zahlen. Wer kann
ihre Bedeutung enträtseln?" Artaban erwiderte: "Meine drei Gefährten unter
den Magiern - Kaspar, Melchior, Balthasar - und ich haben die alten Tafeln
Chaldäas durchforscht und die Zeit errechnet. Sie fällt auf dieses Jahr.
Wir haben den Himmel studiert, und in diesem Frühling sahen wir im Zeichen
der Fische, welches das Haus der Hebräer ist, zwei der größten Sterne
sich einander nähern. Und dort sahen wir auch einen neuen Stern, der eine
Nacht schien und dann verschwand. Jetzt begegnen sich die beiden großen
Planeten abermals. Heute Nacht stehen sie in Konjunktion. Meine drei Brüder
beobachten im alten Tempel der Sieben Sphären zu Borsippa in Babylonien,
und ich beobachte hier. Wenn der Stern wieder erscheint, werden wir in
zehn Tagen zusammen nach Jerusalem aufbrechen, um den Verheißenen zu besuchen
und anzubeten, der zum König von Israel geboren werden wird. Ich glaube,
das Zeichen wird eintreten. Ich habe mich gerüstet für die Reise. Ich
habe mein Haus und meinen Besitz veräußert und diese Juwelen gekauft,
einen Saphir, einen Rubin, und eine Perle, um sie den König als Tribut
zu bringen. Und ich bitte euch, mit mir auf die Wallfahrt zu gehen, damit
wir gemeinsam den Fürsten finden."
Aus dem innersten Bausch seines Gürtels zog er drei herrliche Kleinode
- eins blau wie ein Stück des nächtlichen Himmels, eins röter als ein
Strahl des Sonnenaufgangs, eins rein wie ein Schneegipfel im Zwielicht.
Doch seine Gefährten schauten befremdet und abweisend drein wie Menschen,
die unglaublichen Reden zugehört haben oder dem Vorschlag zu einem unmöglichen
Unterfangen.
Endlich sprach Tigranes:"Artaban, dies ist ein eitler Traum. Das kommt
von dem vielen Sterngucken und dem Hegen hochfliegender Gedanken. Aus
dem zerbrochenen Geschlecht Israel wird ein König erstehen. Und der ewige
Kampf von Licht und Dunkel wird niemals ein Ende finden. Wer danach sucht,
hascht nach Schatten. Lebe wohl."
Und einer nach dem anderen sagten auch die übrigen, diese Suche sei nichts
für sie, aber sie wünschten ihm Glück auf den Weg. Doch Abgarus, der Älteste,
der noch zurückblieb, nachdem die anderen gegangen waren, sagte ernst:"Mein
Sohn, mag sein, dass das Licht der Wahrheit in diesem Zeichne leuchtet,
das am Himmel erschienen ist; mag auch sein, es ist nur ein Schatten des
Lichts, wie Tigranes sagt. Aber besser, auch nur dem Schatten des Besten
folgen als sich zufrieden zugeben mit dem Schlechtesten. Und wer wunderbare
Dinge sehen will, der muss oft bereit sein, allein zu reisen. Ich bin
zu alt für diese Fahrt, aber mein Herz wird auf der Reise dein Gefährte
sein Tag und Nacht. Gehe in Frieden."
So gingen sie einer nach dem anderen aus dem azurenen Gemach mit den silbernen
Sternen, und Artaban blieb allein zurück. Lange Zeit beobachtete er die
Flamme, die auf dem Altar flackerte und zusammensank. Dann hob er den
schweren Vorhang auf und schritt zwischen den mattroten Porphyrsäulen
hinaus auf die Dachterasse.
Das Frösteln, das die Erde durchschauert, ehe sie von ihrem Nachtschlaf
erwacht, hatte schon begonnen, und von den erhabenen, schneegezeichneteten
Schluchten des Orontes herab wehte der kühle Hauch, der den Tagesanbruch
ankündigt. Vögel, halb erwacht huschten zwitschernd durch das raschelnde
Laub, und von den Lauben herüber wehte in Wellen der Duft reifer Trauben.
Über der östlichen Ebene weißer Nebel wie ein See. Doch wo die fernen
Gipfel des Zagrosgebirge den westlichen Horizont durchzuckten, war der
Himmel klar. Jupiter und Saturn rollten in eins, wie züngelnde Flammentropfen
verschmelzen.
Während Artaban sie beobachtete, siehe, da entsprang aus der Dunkelheit
unter ihnen ein blauer Funke, der sich purpurglänzend zu einem karminroten
Ball rundete und dann durch Strahlen von Safran und Orange zu einem weißen
Glutpunkt aufschloss. Winzig und unendlich fern, doch vollkommen, flimmerte
er in dem gewaltigen Gewölbe, als hätten sich die drei Juwelen des Magiers
vermischt und verwandelt zu einem lebenden Lichtherzen.
Er beugte das Haupt. "Das ist das Zeichen", sagte er. " Der König kommt
und ich will ihm entgegengehen."
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