Eine Weihnacht in der Finnmark
Verfasser noch unbekannt
Jetzt will ich dich weit fortbringen, zu einem Land mit Wäldern und Mooren
und Bergen, das man die Finnmark nennt, weil Einwanderer aus Finnland
dort vor vielen hundert Jahren Boden gerodet haben. Heutzutage können
wir mit der Eisenbahn durch die großen Wälder dorthin reisen oder auch
mit dem Auto über die großen Moore, wo breite Fahrstraßen angelegt worden
sind. Aber zu der Zeit, als das sich ereignete, was ich jetzt erzählen
will, gab es dort weder Fahrstraßen noch Eisenbahn. Weit war es zwischen
den menschlichen Behausungen in der Einöde, und heute noch ist es so geblieben.
Meistens lagen die Finnenhöfchen hoch oben am Südhang eines Berges, und
drollige Namen hatten diese Höfchen. Korpilampi und Noppimäki und dergleichen
mehr. Und jetzt will ich dir erzählen, was um die Weihnachtszeit vor vielen
Jahren dort oben geschah.
Ein Mädchen von Korpilampi war unten in der Ortschaft Magd geworden und
zwar bei keinem Geringeren als dem Pfarrer selbst. Sie hieß Kari. Damals
gab es keine andere Möglichkeit für einen Finnenjungen oder ein Finnenmädchen,
konfirmiert zu werden, als daß der Vater und die Mutter ihren Kindern
unten in der Ortschaft Dienststellen verschafften, damit diese sich durch
ihre eigene Arbeit versorgen konnten, während sie vorbereitet wurden.
Als Kari nun zuerst ins Kirchdorf hinunter kam, war sie allem gegenüber,
was neu und ungewohnt war, so scheu wie ein Tier des Waldes. Wie an jenem
Samstagabend, als sie zum ersten Mal das Vesperläuten hörte! Sie erschrak
so sehr, daß sie in den Keller lief und sich dort versteckte. Und als
sie das erste Mal den Pfarrer erblickte, erstarrte sie am ganzen Körper
vor Schreck. Sie hatte noch nie eine Brille gesehen! Der Pfarrer verstand,
daß sie Angst hatte, und nahm die Brille ab, aber dann schrie Kari laut.
Und als sie das erste Mal in die Kirche gehen sollte, die groß und grau
da lag, zwischen herbstliche, gelbe Birken gebettet, da sagte sie: "Kann
man in den Berg dort hineingehen?" Im selben Augenblick fing es zu spielen
an. "Hört", sagte Kari, "da sind Wespen da drinnen im Berge!"
Aber mit der Zeit gewöhnte sich Kari sowohl an dieses wie an jenes. Sie
lernte sogar das Lachen! Diese Kunst war in der kargen Finnmark unbekannt,
wo man sich in harter Mühsal durchs Jahr kämpfte. Als es aber gegen Weihnachten
ging und alle voller Freude mit den Festvorbereitungen anfingen, da wurde
Kari wieder ernst. Sie mußte sich jetzt vom Morgen bis zum Abend abplacken.
Von dem Konfirmationsunterricht hatten die Kinder jetzt Ferien, aber im
Pfarrhaus gab es zu waschen und zu backen, zu schlachten und Wurst zu
machen, zu säubern und zu putzen. Für ihre vierzehn Jahre war Kari ein
tüchtiges Mädchen, und überall konnte sie zupacken, aber Tag für Tag wurde
sie ernster, während die anderen um sie herum immer fröhlicher wurden.
Astri, die älteste Tochter des Pfarrers, war gerade so alt wie Kari und
ihre Mitkonfirmandin. Sie hatten sich allmählich gut angefreundet, obgleich
Astri anfangs schon gefunden hatte, das Kari recht sonderbar war. Astri
hatte die Mutter gebeten, daß Kari während der Weihnachtsferien aus der
Mägdestube ausziehen und oben bei ihr wohnen dürfe. Kari schlief meistens
ein, sobald sie ins Bett gekommen war. Aber Astri pflegte das Licht noch
brennen zu lassen und etwas zu lesen. Eines Abends jedoch, als Astri das
Licht ausgelöscht hatte und schon am Einschlafen war, hörte sie, daß Kari
wach war.
"Bist du wach, Kari?" fragte Astri
"Ja, ich bin so bedrückt", sagte Kari.
Bedrückt, das war eins von Karis vielen "sonderbaren" Worten, das sie
oft gebrauchte.
"Weswegen bist du denn bedrückt?" fragte Astri.
"Das kann ich doch nicht sagen", sagte Kari und seufzte.
"Aber ja, gewiß kannst du das!"
"Nein, nie und nimmer!"
Astri, die nicht recht wußte, wie das war, "bedrückt" zu sein, gähnte
und schlief ein.
Aber am nächsten Morgen kam eine blasse und müde kleine Kari zu der Arbeit
herunter.
"Liebes Kind, wie siehst du denn aus?" sagte die Pastorin. "Geht es dir
nicht gut?"
"Es geht mir schon gut, aber ich bin die ganze Nacht wach gelegen."
"Wach bist du gelegen?"
"Ja, ich bin so bedrückt!"
"Warum bist du denn bedrückt?"
"Das kann ich doch nicht sagen."
"Doch ja, das kannst du schon! Sag es mir!"
"Befiehlt die Fraue, daß ich es sage?"
Die Pastorin biß sich auf die Lippen - sie konnte der Kari nie beibringen,
etwas anderes zu sagen als jenes wunderliche "die Fraue".
"Ja, sag es", bat sie.
Kari blickte zur Pastorin auf. Ihr Gesicht drückte niemals wechselnde
Gefühle aus. Jetzt sagte sie ebenso ruhig, als ob sie erzählt hätte, daß
sie einen Korb Brennholz oder einen Eimer Wasser hereingetragen habe:
"Ich sehne mich nach meinem Heim, ich sehne mich nach meinem Vater und
nach meiner Mutter, nach meiner Schwester Rankka und nach meinem Bruder
Matti. Hier ist keine richtige Weihnacht. Hier gibt's keine Sauna, und
hier wird kein Stroh auf die Diele gebreitet, hier gibt's auch keine Feuerstelle,
wo man Kohlenmännchen anzünden kann. Wie soll es hier Weihnachten werden
können?"
Da stand nun die Pastorin ganz verblüfft. Sie hatte gedacht, daß es für
die kleine Kari aus der Finnmark eine Weihnacht geben würde wie nie zuvor.
Sie hatte gedacht, daß es eine himmlische Herrlichkeit für sie werden
würde, all das mitzumachen, was man jetzt vorbereitete. Kari war ja noch
nie in einer Weihnachtsfrühmesse gewesen, und nie zuvor hatte sie einen
Weihnachtsbaum gesehen. Der einzige Christbaum, den man dort oben hatte,
war einer am Zaunpfosten mit der Garbe für die Vögel. Und Weihnachtsgeschenke
kannte man auch nicht in der Finnmark. Woher hätte man die bekommen sollen?
Die einzige Unterhaltung waren die Kohlenmännchen, außer dem Weihnachtsstroh
natürlich. Das Weihnachtsstroh, das wurde über die ganze Diele ausgebreitet,
und man mußte hübsch Obacht auf die Funken von offenen Feuer geben. Aber
nur selten gab es Funken, denn in der Weihnachtszeit brannte man nur Kienholz,
teeriges Trockenholz, das nicht sprühte, sondern nur still und klar leuchtete.
Und wenn dieses Feuer heruntergebrannt war und nur noch ein Häuflein glühender
Kohlen blieb, kam dann das große Weihnachtsspiel, die Kohlenmännchen.
Dann versammelte sich die ganze Familie ums offene Feuer, der Vater, die
Mutter, die Kinder und die Großeltern. Der Vater spaltete lange, schmale
Kienspäne. Sie mußten alle gleich schmal und gleich lang sein, das war
sehr wichtig. Aufs eine Ende steckte die Mutter dann eine Kartoffel, und
das andere Ende wurde in den Gluthaufen gesteckt, alle Späne auf einmal
- das war auch sehr wichtig! Und dann fingen die Späne Feuer und brannten
so prächtig. Sieben lange Hölzchen, sieben lange, schmale Körper mit einem
Kartoffelchen obendrauf als Kopf. Und jeder paßte aufmerksam auf, wie
sein "Männchen" brannte. Es konnte lange dauern, bis ein Kohlenmännchen
so weit heruntergebrannt war, daß es umkippte und die Kartoffel in die
Asche rollte. Aber dann wußte man, wer zuerst sterben würde. Und es war
beinahe etwas besonders Feines, zuerst zu sterben. Voller Begeisterung,
selig vor Freude konnte der Matti den ganzen Abend rufen: "Matti stirbt
zuerst! Matti stirbt zuerst!" Die Mutter weinte dann ein Tränchen, und
die Alten seufzten. Aber der Vater glaubte nicht so recht daran, er hatte
wohl gemerkt, daß es nicht ganz stimmte.
Aber nun sollte Kari beim Spiel mit den Kohlenmännchen nicht dabei sein
dürfen. Ob sie daheim in der Finnhütte dennoch auch für sie einen Span
anzünden würden? Dieser Gedanke war es, der sie die ganze Nacht wach gehalten
hatte.
Sie saßen nun beim Wurstmachen. Die Pastorin hantierte mit dem Küchenmesser,
Kari mahlte, und Astri stopfte. Lange, dralle Würste von allerlei Sorten
entstanden, Fleischwurst, Kartoffelwurst, Grützwurst, Bregenwurst, Leberwurst
und Lungenwurst.
"Singt Ihr nie ein Kirchenlied oder lest in der Bibel am Heiligen Abend?"
fragte die Pastorin.
"Am Heiligabend doch nicht, die Fraue, nie und nimmer", sagte Kari. "Dann
spielen wir im Stroh und mit den Kohlenmännchen, und nachher essen wir,
und dann schlafen wir. Aber vorher baden wir noch in der Sauna."
"Aber bekommt Ihr denn während der ganzen Weihnachtszeit kein Gotteswort
zu hören?" fragte die Pastorin.
"Kein Gotteswort? Was sagt nur die Fraue? Gewiß bekommen wir das Wort
Gottes zu hören! Am ersten Weihnachtstag tun wir das. Dann weckt uns der
Vater mit dem Glöckchen, und dann zündet er das Feuer am Herd an. Dann
ist's kalt, die Fraue, so kalt, daß es aus dem Munde dampft, aber im Stroh
ist's warm, und wir setzen uns auf und singen: Vom Himmel hoch, da komm
ich her. Und dann lesen und singen wir den ganzen Tag, die Fraue, der
Vater tut in der Bibel lesen, und wir singen, den ganzen Tag, nur nicht
wenn wir essen und die Kühe und die Ziegen versorgen, natürlich. Ja, das
Wort Gottes bekommen wir schon zu hören!"
Die Pastorin dachte, daß Kari das Wort Gottes so ausgiebig nicht einmal
im Pfarrhof zu hören bekommen würde. Und deshalb sprach sie mit ihrem
Mann von Karis Heimweh. Als er sich das angehört hatte, sagte er sogleich:
"Laß sie fahren, Mutter, laß sie fahren! Aber sie muß sich am Tage vor
dem Weihnachtsabend auf den Weg machen. An dem Tage fahren Finnenleute
in diese Richtung hinauf. Wenn die sie beim Djupån absetzen, kann sie
den Stromlauf entlang heim nach Korpilampi finden. Dann ist keine Gefahr,
daß sie den Weg verlieren könnte, nicht einmal wenn sie in ein Scheegestöber
hineingeraten würde."
"Aber, mein Lieber", sagte die Pastorin, "das Mädelchen so in der Einöde
sich selbst zu überlassen! Können wir das verantworten?"
"O ja", sagte der Pfarrer, "denke daran, daß Finnenblut in ihren Adern
fließt und daß sie eine Tochter des Waldes ist. Und Gottes Engel werden
sie geleiten. Wir werden sie mit unseren Gebeten begleiten."
Am Tage vor dem Weihnachtsabend wurde Kari, gut eingewickelt, in den Schlitten
der Finnenleute gesteckt. Ihren Ledersack bekam sie mit, vollgepfropft
mit reichhaltigen Kostproben aus den Weihnachtsvorräten des Pfarrhofs,
darunter Fleischwurst, die sie selbst hatte stopfen dürfen. Zwanzig Kilometer
durfte sie mitfahren. Schnell ging es nicht auf den ungebahnten Wegen
vorwärts, frischer Schnee war gefallen, und die Winterfahrstraße war um
diese Jahreszeit erbärmlich schlecht. Der kurze Tag begann in Abenddunkel
überzugehen, als man den Strom Djupan erreichte. Der Finne, der allein
weiterfuhr, wandte sich ein paarmal um, dem kleinen Mädel nachzublicken,
das im tiefen Schnee noch meilenweit würde wandern müssen. Hätte er doch
nur ein Paar Skier für sie gehabt! Aber der Weg war ja nicht schwer zu
finden.
Kari war nicht weit gewandert, als leichte Schneeflöckchen zu fallen begannen.
Dichter und dichter fielen sie, größer und größer wurden sie. Es dunkelte
rasch, und bald tobte der Sturm los. Wer es nicht erlebt hat, kann sich
nicht vorstellen, wie der Schnee wächst, wenn ein Schneegestöber in der
Finnmark ausbricht. Kari war kräftig und sehnig. Anfangs war es nur ein
lustiges Spiel. Aber hier gab es schon vorher so viel mehr Schnee, als
sie sich hätte träumen lassen können, und es waren nicht nur die Schneewehen,
die da wuchsen und wuchsen. Schneebeladen gaben die Bäume nach. Sie neigten
sich in Bögen, sie bauten Wände um sie herum, stellten ihr Gattertore
in den Weg. Jeder Ast, den sie berührte, sandte eine Lawine herunter,
die sie zu begraben drohte. Sie war wie ein kleines Würmchen, das schließlich
nicht vom Flecke kommen konnte und nur noch kämpfte, um heraufzukommen,
Luft zu schöpfen. Auf einmal sah sie, daß alles um sie herum Finsternis
geworden war. Der kurze Tag war zu Ende. Die Nacht kam. Kari hörte zu
kämpfen auf, und dann fühlte sie, daß sie müde war, sterbensmüde. Sie
war durchnäßt von Schweiß und Schnee, und als sie nun stehen blieb, kam
die Kälte und durchschauerte sie.
Aber dann wurde in ihr der Gedanke lebendig, daß sie nach Hause mußte.
Sie durfte sich nicht verirren, sie durfte nicht ermüden. Zur linken Seite
hörte sie das Brausen vom Djupan, noch war sie also auf der richtigen
Fährte. Und von neuem fing sie im Dunkeln zu wandern an. Es war, als seien
die Elemente in Raserei über das Würmchen geraten, das da der Majestät
der Natur zu trotzen versuchte. Sie hob einen Ast hoch, und herunter stürzte
eine Schneewehe, die sie beinahe erstickt hätte. Aber wieder erhob sie
sich. Als sie nicht mehr die Beine zu heben vermochte, warf sie sich nach
vorn über die Wehe und rollte darüber hinweg. Zum Schluß blieb sie aber
doch liegen, sie mußte ein Weilchen ausruhen. Da fühlte sie, daß sie nahe
daran war, vom Schrecken der Wildnis ergriffen zu werden. Sie hatten den
Vater davon reden hören, wie der arme Mensch vor Schreck von Sinnen werden
kann und dann nicht mehr weiß, was er tut. Dann ist der Tod nahe. Aber
Kari Mattila wollte heim, heim zu Weihnachtsstroh und Kohlenmännchen,
heim zu Vater und Mutter, zur Schwester Rankka und zum Bruder Matti. Und
wenn sie heute nicht mehr nach Hause kommen könne, so würde sie halt morgen
nach Hause kommen! Sie müsse dann eben im Walde übernachten! Deshalb lag
sie still und ruhte eine Weile aus. Aber bevor die Kälte sie erstarren
ließ, war sie wieder auf den Beinen. Im Dunkeln tastete sie sich vorwärts
zu einer Tanne mit weit herabhängenden Ästen. Sie brach einen dürren Tannenzweig
und grub eine Höhle unter der Tanne, dicht am Stamm. Dann brach sie Tannenreisig
und machte ein Lager auf dem Boden zurecht, legte die Wände der kleinen
Schneegrotte mit Tannenreisig aus, kroch hinein und schaufelte den Eingang
hinter sich zu bis auf ein kleines Loch, das Luft durchließ. Dann setzte
sie sich hin, den Rücken gegen die Tanne gelehnt. Jetzt erst fühlte Kari,
wie hungrig sie war. Es durchlief sie vor Freude: sie hatte ja den ganzen
Rucksack voller Essen! Mit eifrigen Händen befreite sie sich von ihm.
Es war ja ganz dunkel, aber sie witterte den Duft vom Brot und von der
Wurst, vom Sulz und vom Weihnachtsschinken. Kari war wie ein hungriges
Tier. Aber mit einem Male besann sie sich: das sind doch die Weihnachtsgeschenke
für die daheim! Wie dürfte ich das anrühren, was "die Fraue" für den Vater
und die Mutter und die Geschwister zurechtgemacht hat? Kari verschnürte
den Sack und nahm ihn wieder auf den Rücken, dort wärmte er so schön.
Dann lehnte sie sich gegen die Tanne, zog die Beine unter den Lederrock,
deckte sich besser mit dem Tannenreisig zu, betete das Vaterunser und
schlief ein.
Draußen heulte der Sturm. Die riesigen Bäume schaukelten und seufzten,
wimmerten und jammerten. Der Schnee fiel in Massen herunter und wischte
alle Spuren von Karis Wanderung dem Strom entlang nach Korpilampi hinauf
aus. Kari aber schlief in der Schneegrotte, schlief wie die Tiere des
Waldes es tun, in einer Grube unter dem Schnee. Als sie erwachte, drang
eine zarte Dämmerung durch die Wände der Schneegrotte. Kari fror nicht,
spürte keinen Hunger, nur eine behagliche Ermattung im ganzen Körper.
Sie versuchte sich zu bewegen, aber ihre Glieder waren wie gar nicht mehr
vorhanden, und ihre Kleider waren steif wie gefrorene Rinde. Es wird wohl
noch früh sein, dachte sie, ich habe Zeit, ein bischen mehr zu schlafen.
Sie schloß die Augen. Wie wonnig es war, auf dem Heimweg zu sein! Schon
war sie halbwegs in ihren letzten Schlaf hineingeglitten, als sie jemand
rufen hörte. War das nicht der Matti? "Kari!" rief es. "Kari!"
Kari mußte einen harten Kampf mit sich selbst kämpfen, um die Kraft, wieder
zu erwachen, aufzubringen. Sie konnte jetzt kaum die Augen aufmachen,
sie wollte rufen, aber die Stimme schien auch fort zu sein. Kari wurde
von einer ungeheuren Angst ergriffen, es war die Todesangst. Sie sammelte
alle ihre Kräfte, aber obgleich sie meinte, daß sie "Matti, Matti" laut
schrie, so klang es nur, als wenn ein kleiner Vogel piepsen würde. Jetzt
hörte sie Stimmen, die Stimmen vom Vater und von der Mutter, aber über
ihnen allen die vom kleinen Matti. Jetzt verhallten sie - ach, sie träumte
wohl nur! Man soll so etwas hören, bevor man sterben muß. Dann hörte sie
ein Brausen, als ob die Erde zerbersten würde, und ein Licht kam und blendete
sie. Kari schloß die Augen. So viel Licht konnte kein Mensch ertragen!
Jemand hob sie auf starken Armen auf. Jetzt starb sie. Die Engel kamen
und holten sie.
In Mattilas Hütte hatten sie das Weihnachtsstroh auf den Boden gebreitet
und das Kienholz hereingetragen. Jetzt waren sie in der Sauna. Der Vater,
die Mutter, die alten Leute, Rankka, Klein-Matti. Rot und glänzend im
Gesicht nach dem Herumhantieren mit den Birkenruten kamen sie wieder in
die Hütte herein. Sie aßen den weihnachtlichen Reisbrei und schnitten
von der Ziegenkeule zähe Scheiben herunter, die sie in Salz, das kostbarste
Gewürz der Finnen, stippten. Draußen dämmerte es, und das Kienholzfeuer
wurde angemacht. Dies war der feierlichste Augenblick des Jahres. Die
Kinder spielten im Stroh, die Alten saßen mit ihren eisernen Pfeifen ums
Feuer und rauchten. Sagten kaum ein Wort. Die Mutter dachte: Die Kari,
die hat's heute abend bei den Pfarrersleuten fein! Ich weiß noch, wie
es war, als ich im Pfarrhaus zur Konfirmation vorbereitet wurde. Das war
ein Christfest, so wie ich hoffe, daß es einst im Himmel werden möge,
wenn unsereins dorthin kommen darf.
Als das Feuer heruntergebrannt war, sollten die Kohlenmännchen angezündet
werden. Der Vater hatte die Kienspäne gespaltet, für Kari auch einen.
Die Mutter steckte die Kartoffeln dran. Es war ein kostspieliges Vergnügen.
Eine Kartoffel war eine Gabe Gottes, die nur um die Weihnachtszeit beim
Spielen geopfert werden durfte. Aber jetzt wurde plötzlich eine Erinnerung
im kleinen Matti wach. "Kari", sagte er, "Kari muß dabei sein! Wo ist
die Kari?" Es wurde nur selten von denen geredet, die nicht daheim waren.
Und der kleine Matti war ein Kind und vergaß schnell, aber jetzt erinnerte
er sich. "Die Kari muß dabei sein!" sagte er. "Wo ist die Kari?" Die Schwester
Rankka versuchte dem Matti gut zuzureden, aber er rief nur: "Die Kari
muß dabei sein! Kari! Kari!"
Es wurde allen in der Hütte so seltsam zumute. Die alte Großmutter versuchte
zu trösten: "Die Kari wird vielleicht bald kommen!" Matti ging zur Tür:
"Matti will der Kari die Tür aufmachen!" Matti brachte die Tür auf, draußen
war es noch Tag. "Kari!" rief Matti. "Kari! Kari!"
Da hörten sie alle einen schwachen Ruf wie von einem müden Vögelchen irgendwo
im wilden Walde. "Matti!" sagte es. "Matti!" Die Mutter kam zuerst aus
der Hütte heraus, der Vater gleich hinterher. Die alten Leute waren aufgestanden.
Rankka war mit gefalteten Händen im Stroh auf die Knie gefallen.
Nach einer langen Weile kam der Vater wieder herein. er trug die Kari
auf seinen Armen. Ein kleines totenbleiches, halb verhungertes Finnenmädel
mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Sie hatten sie unter der großen
Tanne nicht weit vom Gattertor gefunden. Sie hatten wie aus weiter Ferne
ihren Ruf gehört und waren tief in den Wald hineingelaufen, bevor sie
verstanden hatten, daß sie ganz nahe der Hütte war.
An jenem Abend vergaßen sie in der Finnhütte die Kohlenmännchen anzuzünden,
sie sangen aber statt dessen Weihnachtschoräle.
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