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Die schlesische Weihnacht
von Charleen
Eigentlich fing es damit an, daß Mutter den Lebkuchenteig
anrührte, lange vor dem Fest. So
richtig gute Lebkuchen brauchten nach dem Backen schon eine geraume Weile,
ehe sie weich und saftig wurden. Allein schon der Duft, der die Küche
einhüllte, Kardamon und Zimt, Honig und viele Gewürze, die man
als Kind ja nicht so genau definieren konnte. Unsere große weiße
Backschüssel nahm alles auf, und dann wurde geknetet und probiert.
Da noch ein Quentchen Sirup oder eine Prise Hirschhornsalz. Wenn Mutter
nicht hinsah, naschte ich heimlich. Der Teig war eine zähe, klebrige
Masse, und nur ein wirklich gesunder Kindermagen konnte das verkraften.
War er fertig und wurde ausgerollt, bekam ich auch Ausstechförmchen
und konnte mithelfen. Aber wohlweislich auch ein eigenes Backbrett, denn
nach mehrmaligen Ausrollversuchen färbte sich mein Klümpchen
Teig noch dunkler, als es von Natur aus schon war. Das meiste landete
sowieso in meinem Schleckermaul. Waren alle Plätzchen im Ofen, fing
es an zu duften. Vater kam dann auch in die Küche. Während Mutter
ein Blech nach dem anderen aus dem Herd holte, stibitzten wir schon die
heiße Köstlichkeit.
Große Lebkuchendosen wurden herbeigeschafft und nach
dem Erkalten der Plätzchen bis an den Rand gefüllt. Vieles wurde
probiert, obwohl die Besagten, Süßen doch sehr hart waren.
Aber bald schon, in ein paar Wochen, würden sie weich und gut sein.
Zu dieser Zeit fingen auch all die Heimlichkeiten an. Im Haus, in der
Wohnung, schleppte bald jeder von uns etwas mit sich herum. Wo war wohl
der beste Platz, um etwas bis Weihnachten zu verstecken? Unser Vater war
im Keller tätig und kam bisweilen nur noch zu den Mahlzeiten heraus.
Überhaupt, die Speisen vor Weihnachten waren nicht üppig. Man
sollte sich die Gelüste aufsparen, damit die Vorfreude auf die vielen
guten Dinge so richtig genossen werden konnte. Mutters Heimlichkeiten
erstreckten sich bis in die Nacht hinein. Denn tagsüber wurde sie
gequält mit so vielen Fragen, wenn sie auch nur ein kleines, buntes
Tüchlein oder ein Stoffrestchen in der Hand verbarg. Gehäkelt
und gestrickt hat sie dann bis in den frühen Morgen. Puppenkinder
die zerzaust aussahen, bekamen unter ihrer Hand wieder Glanz und neue
Kleider. Am Heiligen Abend saßen sie dann unter dem Baum, die Annas
und Lottchens. Mit blauen und weißen Bändern im Haar, manchen
hatten sogar neue Schühchen an.
Ich habe damals versucht, mit meinen ungeschickten kleinen
Kinderhänden einem grauen Knäulchen Wolle und einer so verflixt
glatten Häkelnadel ein Geschenk für Mutter zu entlocken. Die
Finger verkrampften sich, und der so erbärmlich wirkende Topflappen
war hart wie Stein. Dann warf ich meistens alles erst einmal in die Ecke
und verlegte mich aufs Malen. Dabei blieb ich dann, Vater und Mutter freuten
sich anscheinend doch immer wieder am meisten über diese Stilleben"
aus meiner Hand. Sie taten jedenfalls so.
Das Wohnzimmer blieb so ab Anfang Dezember für uns
Kinder tabu. Der Schlüssel zur Tür wurde versteckt, und nur
Mutter oder Vater holten ihn hervor und gingen leise ein und aus. Selbst
das Schlüsselloch wurde verstopft, damit auch ja nichts zu entdecken
war.
Die Adventszeit war also aufregend und schön zugleich
für uns. Der Breslauer Weihnachtsmarkt mit dem Zauber der Buden,
dem Duft nach Zimt und Glühwein. Um diese Zeit lag meist schon der
erste Schnee, und wir gingen mit Mutter dorthin, um zu schauen und auch
um ein wenig zu kaufen. Ich besaß einen kleinen, waren Muff und
eine weiße, herrliche Pelzmütze. Beides war aus Kaninchenfell
und alles Handarbeit. Ich stapfte neben Mutter her und begutachtete die
vielen Dinge. Hampelmänner in allen Farben. Zinnsoldaten für
die Jungen. Man konnte heiße gebackene Äpfel bekommen, knackige
Würstchen bei der alten Marktfrau. Ihr Gesicht war hutzelig, und
aus ihren müden Augen rannen Bäche von Tränen, durch die
Kälte verursacht. Ihre Hände waren rot und rissig. Sie pries
immerzu ihre Waren an: heiße Wiener, a bissel Mostrich dazu,
an, wie wär's, junge Frau?" Mutter ließ mich bei ihr immer
für eine kleine Weile zurück und verschwand mit einem Päckchen
in einem der alten Häuser,, direkt am Rathaus. Im zweiten Stock hatte
ein Puppenmacher seine Werkstatt, und mir fehlten ja seit ein paar Tagen
zwei meiner geliebten Puppenkinder. Wie gerne wäre ich einmal mitgegangen,
nach oben in diese Werkstatt. Mutter nahm mich niemals mit, ich weiß
bis heute nicht den Grund. Aber es wird schon einen gegeben haben.
Kam sie dann zurück, lachte sie und tat sehr geheimnisvoll. wir gingen
zusammen zu Waxmann, einem Süßwarengeschäft. Dort wurde
eingekauft, was Kaufladen und Puppenstube so alles nötig hatten.
Das meiste war marzepanich" oder aus Fondant. Auch Liebesperlen
und Zuckerlinsen usw. usw. Während Mutter aussuchte, wurde ich abgelenkt,
denn alles um mich herum war Weihnachtsgeheimnis. Pfefferminzbruch kam
als Abschluß in eine große Tüte. War die Draufgabe der
Chefin selbst. Sie saß nur an der Kasse und sah nobel aus. Sie trug
eine Gemmenbrosche an ihrer schneeweißen Bluse. Mutter und sie müssen
sich gut gekannt haben, ihre Unterhaltung war immer sehr herzlich.
Dann wurde eingekehrt, meist in den Schweidnitzer Keller,
einem Lokal im Rathaus. jeder
Breslauer kannte es. Es war urgemütlich, viele Studenten in ihren
bunten Mützen saßen an
weißgescheuerten Holztischen. Wie lang ist das nun alles her!
Wir gingen auch jedes Jahr um diese Zeit ins Breslauer Theater.
Vater bekam immer karten
geschenkt. Allein die Vorfreude auf dieses Ereignis war riesig. Meist
waren es Singspiele für
Kinder, das Ballett Die Puppenfee" oder Der Kuchenpeter".
Auch Hänsel und Gretel", die
Märchenoper von Humperdinck stand auf dem Programm. Ich trug dazu
ein Kleidchen aus hellblauem Musselin. Der kleine runde Kragen war aus
grauem Satin, und mit weißen Strümpfen und schwarzen Lackschuhen
war ich wirklich fein herausgeputzt. Wie festlich war alles. Mutter ermahnte
mich immer wieder, ja leise zu sein, nicht laut im Theater zu sprechen,
überhaupt sich manierlich zu benehmen. Damals fiel mir das noch nicht
schwer, die meisten Kinder in meinem Alter waren brav und wohlerzogen.
Später, in Bayern, hatte ich so meine liebe Not mit dem Bravsein.
Alles zu seiner Zeit.
Nikolause konnten mich damals nicht ergötzen, ich wüßte
schon, wie es damit aussah. Hatte
einmal meiner lieben Tante Margot die Larve vom Gesicht gezogen und war
daraufhin mehrere Tage ziemlich verstört. Ich hatte so fest an den
heiligen Mann aus dem Himmel geglaubt. Eine Enttäuschung, die wohl
jedem Kind nicht erspart bleibt.
Je näher das Christfest heranrückte, um so mehr
Arbeit hatten die Eltern. Besonders Mutter
gönnte sich keine ruhe. Sie lief Treppauf', treppab. Ihre von Natur
aus roten Wangen wurden
noch röter. Verwandte schauten bei uns herein, es wurden Berge von
den saftigen Lebkuchen und ofenwarmer schlesischer Streuselkuchen aufgetischt.
Jeder freute sich auf das Fest. Nur Mütter wirkten in diesen Zeiten
auch gehetzt, genauso wie heute. Es hat sich auf diesem Gebiet nichts
geändert. Nur alles war eine Spur leiser und geheimnisvoller. Weder
grelles Neonlicht der vielen tausend Lichterketten in den heutigen Warenhäusern
störte noch das schrille Gedudel der alten vertrauten Weihnachtslieder,
die Kinderherzen begeistern und Eltern in einem Kaufrausch stützen
sollen. Es wurde auch geschenkt, aber viel bedachter als heute. In den
Gassen der Stadt huschten die Menschen, Christbäume wurden auf den
Märkten angeboten. Sie kamen aus den Wäldern des Riesengebirges,
dufteten nach frischem Harz und hatten Schneehauben auf Spitze und Zweigen.
Allein diese Bäume trugen auch zum Geheimnis meiner Kinderzeit bei.
Erklang am heiligen Abend die kleine Glocke und die Wohnzimmertür
wurde langsam geöffnet, dann war da nur erst einmal dieser Baum!
So festlich geschmückt die Spitze mit den silbrig schimmernden Glöckchen
daran. Eingesponnen in Fäden von feinem Engelshaar. Sie bewegten
sich leise im Wind der Kerzenwärme. Kleine Trompeten und zerbrechliche
Kugeln, Lametta und viele echte weiße Kerzen schmückten unsere
Tanne. Im Zimmer war es ganz dunkel, nur der Baum strahlte, funkelte und
duftete. Die Eltern standen Hand in Hand und schauten auf uns Kinder.
Wie dankbar ich damals war, ja, das kann ich heute nur noch erahnen. Selbst
in den Kriegsweihnachten haben die Eltern noch immer versucht, uns den
Zauber dieser Stunden zu bescheren.
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