Die Katze
Von Daniel Trowski
Nachmittags fielen die ersten breiten Schneeflocken. Den Vorboten folgten
unzählige weitere, die in dichten Reihen auf die Erde fielen.
Der Winter breitete sich selbstsicher überall aus.
Die Menschen bewegten sich vorsichtiger, und dort, wo die Vögel bei
ihrer Suche nach Futter umherhüpften, sah man kleine zierliche Muster
auf der gleichmäßigen Schneedecke.
Abends zündeten die Eltern Kerzen an, und wenn der Wind um das Haus
pfiff, sprach man vom bevorstehenden Weihnachtsfest.
Thomas schrieb schon lange an seinem Wunschzettel, der bald so lang war,
daß er bis zu den Sternen gereicht hätte. Er hatte so viele
Wünsche, aber er wußte, daß das Christkind alle Kinder
beschenken mußte, und so schrieb er langsam und sauber unter seinen
Wunschzettel: Liebes Christkind! Schenke mir nur das, was Du wirklich
übrig hast.
Die Mutter erhählte Thomas nun hin und wieder vom sinn des Weihnachtsfestes,
und daß es wichtiger sei, anderen Menschen eine Freude zu machen
als sich nur selber Dinge zu wünschen, die man nicht so unbedingt
brauchte.
Das hörte sich ja alles sehr einleuchtend an, aber Thomas konnte
sich nicht vorstellen, wer etwas von ihm hätte brauchen können.
Und hatten nicht alle anderen viel mehr als er?
Das Weihnachtsfest rückte immer näher; man sah das schon an
Thomas' Adventskalender, an dem von Tag zu Tag mehr Tore offen standen,
und man sah es auch an den Kerzen auf dem Adventskranz, von denen nur
noch eine neu und unberührt ihren schneweißen Docht nach oben
reckte.
Vor den Warenhäusern hatten sich falsche Nikoläuse aufgestellt,
die Zettel für viele unnütze Dinge verteilten, die allesamt
mit dem Weihnachtsfest nichts zu tun hatten.
Selbst der alte Herr Weirauch, der ihnen in seinem kleinen Lebensmittellädchen
für ihre Groschen Lakritze und Zuckerstangen verkaufte, hatte in
seinem Schaufenster neben den staubigen Weinflaschen und vergilbten Kartons,
die dort schon seit Jahren standen, einen Rauschgoldengel aufgestellt,
denn Herr Weirauch wußte schließlich, was ein Kaufmann seiner
Kundschaft zu Weichnachten schuldig war.
Auf den wenigen freien Plätzen in der Stadt, neben all den abgestellten
Autos, hatten Männer mit tropfenden roten Nasen, Gummistiefeln und
dicken wollenen Schals ihre Tannenbäume säuberlich in Reih und
Glied aufgestellt, um sie bis zum Heiligen Abend zu verkaufen.
Im Campingwagen, dort, wo die Tannenbaumverkäufer ihre alte grüne
Kasse mit dem Wechselgeld aufbewahrten, bullerte ein kleiner Kanonenofen,
und es roch so feierlich nach verbranntem Tannengrün und verbrennendem
Harz.
Mit jedem Tag wuchs Thomas' Unruhe, und mehr als einmal ermante ihn die
Mutter: Thomas, steh mir nicht immer im Weg! Oder: Mußt
du denn immer hinter mir her laufen? Andere Kinder können doch auch
still allein spielen! Aber all die vielen Schachteln und Kartons,
in denen Thomas seine Spielsachen aufbewahrte, hatten ihen Reiz verloren,
wenn die Mutter dasaß und die ersten Weihnachtskarten an Onkel Karl
oder Tante Elise schrieb oder die ersten Zimtsterne aus dem fein gerollten
Teig drücke. Und was waren Gummiindianer und Modellautos gegen das
geheimnisvolle Hantieren hinter verschlossenen Türen und dem Duft
nach frischen Plätzchen, der sich in der Küche breitmachte.
Die Tage vergingen zäher, so daß es Thomas schon wie ein kleines
Wunder vorkam, als der 23. Dezember, der Tag vor dem Heiligen Abend, endlich
herangekommen war.
Als Vate seine Aktenmappe, in die Mutter sonst jeden Morgen die Thermosflasche
mit dem dampfenden Kaffee und die in Tettpapier eingewickelten Brotschnitten
legte, in den Spind schloß und erleichtert sagte: So, jetzt
ist's mal einige Tage Schluß mit dem Büro! schien es
Thomas, als wenn Weihnachten zum Greifen nahe sei.
Die Mutte strich Vater liebevoll übers Haar und meinte: Weihnachten
wäre noch mal so schön, wenn nicht die viele Arbeit wäre.
Zudem ist alles so teuer. Ich habe heute unseren Puterbraten gekauft.
Rate mal, was der gekostet hat. Vater reckte die Arme über
dem Kopf, schloß die Augen und sagte gähnend: Hör
doch auf damit, ich hab' jetzt Feierabend und will den genießen.
Weihnachten ist nur einmal im Jahr, und das Weihnachtsgeld kann doch noch
nicht aufgebraucht sein. Was gibt's denn heute abend zu essen?
Ich kann dir die Reste der Suppe von gestern abend aufwärmen.
Du weißt ja - vor dem Heiligen Abend gibt's nie etwas Besonderes.
Dann hast du morgen auch Appetit auf unseren Puterbraten.
Aber Vater hörte schon nicht mehr hin, sondern verfolgte im Fernsehen
scheinbar versunken einen weißgekleideten Mann, der in einer Flasche
ein Mittel zur Stärkung oder so ähnlich anbot. Auf jeden Fall
waren alle, die aus der Flasche tranken, unheimlich stark und unternehmungslustig.
Ob es so etwas auch für Vater gab?
Plötzlich schien es Thomas, als wenn Weihnachten doch noch sehr weit
entfernt wäre. Auch die behagliche Stimmung war nicht mehr da.
Thomas, es ist schon spät. Du mußt ins Bett, mahnte
die Mutter. Ich habe aber noch so schlrecklichen Hunger, meinte
Thomas listig. Darf ich ein Stück vom Puterbraten probieren?
Aber Mutter war nicht zu erweichen, ihm auch nur ein klitzekleines Stück
von diesem Puter abzugeben, sondern bot Thomas ein Stück Brot mit
Marmelade an, was eigentlich ein ganz guter Ersatz war.
In der Nacht träumte Thomas von einer chromblitzenden Taschenlampe
und einem kleinen Jungen, der auf einem nagelneuen roten Roller um einen
Puterbraten fuhr.
Der nächste Morgen war kein gewähnlicher Morgen, denn er gehörte
zum Heiligen Abend. Thomas lag im warmen Bett und hörte, wie Vater
und Mutter sich in der Küche leise unterhielten. Aber vielleicht
ging es bei diesem Gespräch um das Christkind, und so zog sich Thomas
doch lieber rasch an, nicht ohne vorher im Bad die Wasserhähne beide,
für warm und für kalt, ganz aufzudrehen. Das klang gewaltig
nach großem Waschen und machte, wenn man dem Wasser nicht zu nahe
kam, auch gar nicht naß.
Komm, spiel noch was, Thomas. Vater muß den Weihnachtsbaum
schmücken, ich gehe die letzten Kleinigkeiten für das Fest kaufen,
und dem Christkind darfst du auch nicht im Wege stehen, denn das Christkind
ist sehr scheu.
So mußte Thomas murrend hinaus auf die Straße, in der heute
ein heftiger Winterwind pfiff. Lange trieb er sich so zwischen all den
vohlvertrauten Häuserreihen herum, aber wen er auch ansprach, wen
er auch fragte - keiner seiner Freunde hatte heute Zeit für ihn.
So kam er schließlich zum Rand des kleinen Wäldchens, das zur
Heide hinüberführte.
Vergessen war die Vorfreude auf den Weihnachtsbaum und das Christkind.
Er hätte nie geglaubt, daß man sich am Heiligen Abend, der
langsam hereinbrach, so ratlos und allein fühlen konnte.
Als er sich so gegen den Wind legte und durch den Schnee stapfte, war
er bald ein Polarforscher, der, abgeschnitten vom Proviant, seinen Freunden
und jeder menschlichen Behausung, Rettung suchte, bald ein Fallensteller,
der einsam durch die dichten Wälder Kanadas streifte, seinem Schicksal,
der Kälte und den wilden Tieren gnadenlos überlassen.
Ein klägliches Miauen, wie das Wimmern eines kleinen Kindes, holte
ihn aus seinen Träumen zurück. Ein schwarzes Köpfchen stieß
an sein Bein, eine kleine Pfote tippte an sein Knie, weich und vorsichtig.
Ein kleines Schnäuzche mit großen, dunklen Augen schaute ihn
forschend an.
Ein mageres, junges Kätzchen hatte seinen Weg gekreuzt, und Thomas,
der stehengeblieben war, wurde nun ausführlich, neugierig und herzlich
begrüßt, Thomas kniete sich nieder, strich der kleinen Katze
über das weiche Fell des Kopfes und fragte: Was machst du denn
hier draußen so ganz alein?
Die Frage schien für seinen neuen Katzenfreund nicht sonderlich wichtig
zu sein, denn statt einer Antwort verstärkte sich das Reiben an seinem
Hosenbein, und es dauerte einen Augenblick, bis Thomas begriff, daß
dies hieß: Bitte weiterkraulen - das ist so schön!
Also nahm Thomas die Katze fest in seinen Arm, und ihm wurde ganz warm,
als er sie ruhig und zärtlich streichelte, und der kleinen Katze
wurde es offensichtlich auch warm, denn ein kleiner Motor tief in ihrem
Inneren fing laut und vernehmlich an zu schnurren.
Das war schon ein seltsames Paar an diesem Heiligen Abend: Thomas, der
mit beiden Beinen mitten im Schnee kniete und mit seinen von der Kälte
roten Händen unbeholfen und doch bedächtig die Katze streichelte,
die die Augen geschlossen hielt und über deren Näschen nur ab
und zu ein winziges Zucken lief, wohl immer dann, wenn das Streicheln
besonders schön wurde.
Thomas' Arme wurden schwer und immer schwerer, aber die Katze machte keine
Anstalten, ihren Weg fortzusetzen.
Komm, Katze, du wirst mir zu schwer, und Thomas setzte die
magere, kleine Katze vorsichtig auf ihre vier wollenen Pfoten. Die Katze
streckte sich genüßlich, guckte ihn aufmunternd an, mauzte
und stiefelte mit hochgerecktem Schwanz schnurstracks in den Tannenwald,
nicht ohne sich zu vergewissern, daß Thomas ihr neugierig folgte.
So eine Katze hat es im dichten Tannenwald leichte als ein kleiner Junge,
da sie sich unten am Boden, wo die Äste nicht so dicht sind, bequem
und elegant durchschlängeln kann, während Thomas mühsam
die schneebetupften Tannenäste zur Seite schieben mußte.
Schon bald kamen sie auf eine Lichtung, auf der allerhand Gerümpel
abgeladen war. Die Katze schaute Thomas forschen an und sprang mit einem
leichten Satz in einen alten ausgedienten Autoreifen. So, hier wohnst
du also, meinte Thomas und hockte sich neben der kleinen Katze nieder.
Die Kälte kroch ihm langsam in die Kleider, und Thomas dachte an
zu Hause und daß man ihn dort sicher schon vermißte. Er stand
auf, klopte sich den Schnee von den Kleidern und wollte sich wieder auf
den Heimweg machen. Doch kaum hatte er zwei Schritte getan, da kam die
Katze mit einem Satz hinter ihm her gerannt und stupste erneut aufgeregt
mit ihrem Kopf an Thomas' Knie, was gar nicht so einfach war, denn Thomas,
dem es im Wald bei der untergehenden Wintersonne nicht ganz geheuer vorkam,
ging nun, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, den ausgefahrenen
Weg hinunter in die Stadt.
Thomas kam sich plötzlich ganz hilflos vor, denn was würden
Vater und Mutter sagen, wenn er mit seinem neuen Weggenossen nach Hause
käme?
Doch auf einmal blieb die Katze stehen, leckte sich hastig ihre Vorderpfoten
und schaute Thomas vorwurfsvoll und stumm an, als wenn sie sagen wollte:
Kannst doch eine kleine Katze am Heiligen Abend nicht allein im
kalten Wald lassen! Sieh mal, wie ich mich putze. Ich mache euch sicherlich
den neuen Teppich nicht schmutzig, und ich kann mich auch nützulich
machen, denn mir entgeht keine Maus, und vor Hunden, wenn sie nicht gar
so groß sind, kann ich dich auch beschützen.
Thomas, der unentschlossen langsam weitergegangen war, ging die wenigen
Schritte zurück, nahm das schmale Kätzchen auf und steckte es
vorsichtig tief in seine warme Jacke und schritt so, mit diesem warmen
Etwas, das sich wohlig im Futter der Jacke zusammengerollt hatte, rasch
den ersten Laternen zu.
Als er sich dem Haus der Eltern näherte, konnte er schon von weitem
im Wohnzimmer Licht sehen. Und war das nicht der Tannnenbaum, der dort,
wo sonst die alte Musiktruhe stand, seine lamettageschmückten Arme
in die Luft streckte? Beim Anblick der schönen Christbaumkugeln,
die er jetzt ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen hatte, und der Rauschgoldengel,
die Mutter liebevoll gebastelt hatte, wäre es Thomas fast wieder
ganz weihnachtlich ums Herz geworden, wenn.. ja, wenn sein neuer Freund
nicht gewesen wäre, der jetzt hingebungsvoll und zufrieden unter
seiner Jacke gähnte und dabei eine knallrote zierliche Zunge sehen
ließ, die wie neu aussah.
Es war wohl besser, wenn er die Eltern langsam auf das neue Familienmitglied
vorbereitete. Am besten war es, wenn er die Katze im Hof, in der alten
Garage, in der nur alter Plunder aufbewahrt wurde, erst einmal versteckte.
Als er vorsichtig am halbgeöffneten Küchenfenster vorbeischlich,
kitzhelte ihn ein köstlicher Bratendurft in der Nase und erinnerte
ihn daran, daß er seit morgens früh nichts mehr gegessen hatte,
und auch da vor lauter Vorfreude und Aufregung viel weniger als sonst.
Vielleicht durfte er auch heute, genau wie die Großen, aus einem
der Weingläser trinken, weil heute ein besonderer Tag war.
Aber auch der Katze schien der Duft aus der Küche zu gefallen, denn
eine kleine Schnauze schob sich vorsichtig aus der Jacke, und die zugleich
neugeirigen und erstaunten Augen, die ganz dunkel geworden waren, schienen
zu sagen: Wo drei satt werden, da wird auch ein vierter noch satt!,
und so, als ob sie das bekräftigen wollte, ließ sie vorsichtshalber
zwei kleine, klägliche Miau-Laute hören.
Nun aber schnell in die Garage, ehe die Eltern etwas merken.
Thomas öffnete die knarrige Garagentür nur einen kleinen Spalt
und schlüpfte in die modrige Dunkelheit.
Es dauerte eine kleine Weile, bis er in dem kärglichen Licht, das
der Mond, unterstützt von der letzten Straßenlaterne, durch
die Ritzen warf, seine Umgebung erkennen konnte. Da stand das alte Sofa,
auf dem Onkel Karl immer so lauthals geschnarcht hatte, und da die alte
Kommoge, in der lange Zeit die Gläser mit dem Eingemachten gestanden
hatten. War so eine Kommodenschublade nicht ein idealer Unterschlupt für
eine müge, hungrige Katze? Hier mit dem alten Wäschezwickel
konnte man das Ganze gut auspolstern, und ein warmes Nest war fertig.
Die Katze verfolgte neugierig sein Tun und schnupperte so dicht und eifrig,
daß die Nase und der kleine Bart bald grau vom Staub waren, so daß
sie wie ein Katzengroßvater aussah.
Bleib schön ruhig, bis ich wiederkomme - es dauert ganz bestimmt
nicht lange, flüsterte Thomas ihr zu, schloß das Garagentor
und lief schnell zur Haustür, wo er atemlos klingelte. Mutter machte
ganz erstaunte Augen: Wir dachten schon, wir müßten den
Heiligen Abend ohne dich feiern. Wo warst du denn so lange? Oooch,
ich habe mich verlaufen, und als er sah, daß die Mutter ihn
ungläubig anschaute, fügte er schnell hinzu: ... und ich
habe einer alten Frau über die Straße geholfen.
Gottseidank schaute Mutter ihn nicht allzu prüfend an, sondern sagte
nur: Jetzt aber ab mir dir ins Badezimmer. Wir wollen gleich mit
dem Abendessen anfangen.
Thomas ging zum Badezimmer, und als er merkte, daß sich die Wohnzimmertür
wieder hinter Mutter geschlossen hatte, schlich er in die Küche,
nahm den Puter, den Mutter schon festlich auf der guten Porzellanplatte
liebevoll mit Salaten geschmückt hatte, stopfte ihn unter die Jacke
und sauste wieder zur Tür in den dunklen Hof hinaus.
Die Katze schaute ihm mit hochgestellten Ohren erwartungsvoll entgegen,
und ehe sie sich mit wahrem Heißhunger über die kleinen Puterstückchen
hermachte, die Thomas ihr von dem Braten abriß, stupste sie ihn
noch einmal kurz an, so als ob sie Danke sagen wollte, ohne
jedoch dabei die Augen von ihrem Weihnachtsbraten zu lassen.
Ob sich Mutter über den neuen Gast freuen würde? Bei dem Gedanken,
was Vater wohl sagen würde, wenn er seinen Puterbraten vermißte,
lief Thomas ein ganz seltsames Gefühl vom Nacken bis zum Rücken
runter.
Aber konnte denn jemand eine solche Katze nicht mögen, die ihn jetzt
satt und zufrieden anschaute, sich auf den Rücken rollte und gemächlich
begann, ihre Pfoten zu lecken. Dann wurden gründlich Nase, Ohren
und der kleine haarige Brustlatz geleckt, bis sie wohl zufrieden war,
aufstand und sich wohlig reckte.
Aber statt nun hilfesuchend wieder unter seine Jacke zu kriechen, schlängelte
sich seine Katze flink an ihm vorbei ins Freie, schaute ihn noch einmal
prüfend an und stolzierte wohlgemut mit hocherhobenem Schwanz den
Hof entlang in die Nacht hinein. Immer kleiner werdend, sah sie von hinten
fast so aus, als würde sie, mit sich und der Welt zufrieden, ein
Lied pfeifen, und Thomas war sicher: Wenn sie Taschen in ihrem weichen,
sauberen Pelz gehabt hätte, sie hätte die kleinen Pfoten unternehmungslustig
dort hineingesteckt.
Damit war aber leider auch sein einziger Beweis für seine gute Weihnachtstat
verschwunden, und von dem Puter war so arg viel auch nicht mehr übrig,
und das, was noch dalag, würde er Vater besser nicht mehr anbieten.
Thomas klingelte mit hängendem Kopf erneut an der Haustür, und
es erstaunte ihn nicht, daß hinter Mutter diesmal mit blitzenden
Augen Vater stand, der ihn wortlos in die Diele treten ließ. Sicher
hat der junge Herr diesmal einem alten Mann über die Straße
geholfen! sagte der Vater ganz leise. Thomas schien es das klügste
zu sein, den Kopf noch eine Spur mehr zu senken, und er erwiderte kleinlauter,
als ihm eigentlich zumute war: Das war gelogen - aber Notlügen
sind manchmal erlaubt. Das hast du selbst gesagt.
Und ehe Vater noch schimpfen konnte, erzählte Thomas die Geschichte
von Anfang an, und damit Vater seinen guten Willen sah, hielt Thomas ihm
die Reste des Weihnachtsbratens entgegen. Um Vaters Mundwinkel zuckte
es, genauso wie damals, als Tante Elise mit ihrem neuen Sommerkleid in
den kleinen Tümpel gefallen war, und Thomas wußte, daß
das Schlimmste überstanden war.
Als Vater später aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vorlas und
an die Stelle kam, an der die Heiligen Drei Könige dem kleinen Kind
in der Krippe zlu Bethlehem ihre Gaben darbrachten, da stieß er
Mutter verstohlen unter dem Tisch an - und Thomas tat, als merkte er das
nicht. Weil doch Eltern denken, sie sind schlauer als ihre Kinder.
Thomas schaute noch viele Jahre am Heiligen Abend, ob die kleine, lustige
und mutige Katze auf ihn wartete, aber er hat sie nie mehr gesehen.
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