Eine seltsame Geschichte
von Heidi
Subera
Als der kleine Martin am Sonntag morgen aufwachte und sich umschaute,
war irgendwas ganz komisch. In seinem Zimmer stimmte etwas nicht. Er konnte
aber nicht sagen, was es war. Die Spielzeugkiste war an ihrem Platz und
die Eisenbahn stand auch noch auf ihren Schienen. Seltsam. Martin setzte
sich auf und blickte noch einmal rund herum. Er konnte nichts entdecken.
Da auf dem Regal neben dem Bett hatte er wie immer seine Stofftiere aufgereiht.
Moment mal! Saßen die nicht anders als gestern abend? Martin kniff die
Augen zu und machte sie wieder auf. Es war alles genau so wie vor einem
Augenblick. Er kletterte aus dem Bett und lugte vorsichtig darunter. Heh!
Was war denn das? Da lagen lauter Papierschnitzel unter dem Bett und ein
kleiner Stoffesel war auch auf den Boden gefallen! ´ Ich habe das aber
nicht gemacht ´ dachte Martin bei sich. Er holte schnell seinen Papierkorb,
sammelte die Schnipsel ein und setzte den Esel wieder auf das Regal. Dann
zog er seine blaue Hose und sein rotes T-Shirt an. Das konnte er schon,
er war ja schon ein großer Junge. Immerhin schon fünf Jahre, drei Monate
und zehn Tage. Martin warf noch einen kurzen Blick zu den Stofftieren.
Er war sich sicher, sie saßen anders als gestern!
Schnell schlüpfte er in seine Turnschuhe und lief aus dem Zimmer, die
Stufen hinunter und in die Küche. Seine große Schwester und die Mutter
waren schon auf. Die Mutter kochte Kaffee und Kakao, Karin, so hieß seine
Schwester, strich Butter auf die Frühstücksbrötchen, die herrlich dufteten.
"Schön, daß du schon auf bist" sagte die Mutter. "Das Frühstück ist schon
fertig". Martin setzte sich zum Tisch, der schon gedeckt war. "Du, Mutti,
hast du heute in der Nacht nichts gehört? " begann Karin. "Da hat irgendwas
einen ziemlichen Lärm gemacht" "Wie meinst du das?" fragte die Mutter.
"Was für einen Lärm?" "Ich weiß es auch nicht, aber zuerst hat es gekratzt
und dann gescheppert" antwortete Karin. " Und bei mir unter dem Bett sind
gaaanz viele Papierschnipsel gelegen. Ich hab sie aber schon weggeräumt!"
krähte Martin dazwischen. " Ehrlich, Mutti, ich war das nicht!"
Die Mutter meinte, sie hätte nichts gehört. "Im Gegenteil, ich habe heute
sehr gut geschlafen." sagte sie. "Aber wir werden Papa fragen, wenn er
aufgestanden ist".
Kurz darauf erschien der Vater in der Küche. "Ich habe einen Bärenhunger,
ich könnte ein ganzes Wildschwein aufessen" rief er. Die Mutter goß Kaffee
in eine Tasse und servierte ihn dem Vater zusammen mit einem frischen
Brötchen. "Hmmm, wie gut das riecht, einfach köstlich. Kann ich bitte
etwas Marmelade haben? Auf diesen Brötchen brauche ich unbedingt Marmelade
".Sein Vater ließ sich das Frühstück schmecken. Nachdem alle gegessen
hatten, räumte die Mutter den Tisch ab, Karin wusch das Geschirr und der
Vater griff sich die Zeitung. Gerade als er zu lesen beginnen wollte,
zupfte ihn Martin am Ärmel: "Papa, hast du heute Nacht nichts gehört?"
fragte er. "Nein" antwortete der Vater, "eigentlich nicht,... doch! Da
hat mich einmal ein Geräusch geweckt. Es war ein Kratzen. Hat sich angehört,
als wollte die Katze in dein Zimmer". " Nein, das kann nicht stimmen,
weil die Katze heute Nacht bei mir geschlafen hat" sagte Karin. "Ich weiß,
du willst es nicht, Mutti, aber was hätte ich denn tun sollen. Sie hat
so laut miaut, da habe ich sie rein gelassen". "Ist ja auch egal, wird
schon irgendwas gewesen sein.", meinte der Vater. "Geht spielen, aber
macht nicht so viel Lärm, heute ist Sonntag!"
Als Martin wieder in sein Zimmer kam, schaute er als erstes unter sein
Bett. Als er nichts Verdächtiges feststellen konnte, begann er die Eisenbahn
aufzubauen. Ein Bahnhof mußte her und die Brücke, dann stellte er Bäume
dazu und einen Zaun. Hinter dem Zaun plazierte er ein paar Pferde, Kühe
waren auch dabei und ein Bauernhof mit Traktoren, Anhänger und allem,
was halt so zu einem Bauernhof gehört. Martin ließ Autos fahren, der Zug
fuhr in den Bahnhof ein, in Martins Phantasie stiegen Leute ein, andere
wiederum aus. Der Schaffner pfiff auf seiner Trillerpfeife und der Zug
setzte sich wieder in Bewegung. Martin war so in sein Spiel vertieft,
daß er nicht bemerkte, daß Etwas blitzschnell durch sein Zimmer vom Regal
in Richtung Fenster huschte. Was das wohl war?
Der kleine Junge sah erst von seinem Spiel auf, als die Mutter zum Mittagessen
rief. "Was, so spät ist es schon wieder?" rief er ." Ich komme gleich,
Mutti". Schnell räumte er seine Spielsachen weg, stellte die Autos samt
Schachtel auf das Regal. Was war das? Da lagen ja schon wieder Papierschnipsel
auf dem Boden! Martin verstand die Welt nicht mehr. ´ Ich habe doch alle
Papierschnipsel weggeräumt und in den Papierkorb getan.´ dachte Martin.
Er guckte im Papierkorb nach. Da waren aber keine Schnipsel mehr drinnen.
"Mutti, bitte komm schnell in mein Zimmer, da ist was echt Komisches!"
rief Martin. Als die Mutter in sein Zimmer kam, war Martin ganz aufgeregt.
"Heute Morgen ist ein Stofftier am Boden gelegen und unter dem Bett waren
lauter Papierschnipsel. Hab ich aber alles aufgeräumt, ehrlich! Und jetzt
sind schon wieder welche da. Schau! Die Schnipsel, die ich weggeworfen
habe, sind nicht mehr im Papierkorb, die liegen schon wieder am Boden!"
Die Mutter zog die Augenbrauen in die Höhe und warf ihrem Sohn einen strengen
Blick zu. "Martin, für so einen Unfug ist mir die Zeit zu schade. Ich
habe auch noch was anderes zu tun, als mir solche Geschichten anzuhören.
"Aber es stimmt!" beteuerte Martin. "Ich habe gestern abend ja gar kein
Papier gebraucht. Mit den Stofftieren habe ich auch nicht gespielt und
trotzdem ist eines am Boden gelegen." "In Ordnung. Laß es gut sein. Ach
Martin, würdest du bitte dein Fenster schließen? Es ist mittlerweile doch
schon ziemlich herbstlich." Die Mutter lächelte ihrem Kind zu und ging
wieder in die Küche, um die Jause vorzubereiten. Martin war sehr verwundert,
er war sich jetzt gar nicht mehr so sicher, ob er nicht doch mit den Stofftieren
gespielt, oder Etwas aus Papierresten gebastelt hatte. Nein, das wüßte
er doch. Kopfschüttelnd ging auch er in die Küche.
Etwas später kam der Vater vom Garten zurück. "Stellt euch vor, was ich
draußen gesehen habe." sagte er und machte ein geheimnisvolles Gesicht.
Martin guckte ihn ganz neugierig an: "Sag schon, was hast du denn gesehen,
bitte, ich bin schon so neugierig!" bettelte Martin. "Ihr wißt ja, daß
schon sehr viele Blätter von den Bäumen gefallen sind. Der wilde Wein,
der an unserer Mauer hoch wächst, ist auch schon ziemlich nackt. Na, ich
war gerade dabei, das Laub zusammen zu rechen, da habe ich an der Hauswand,
wo der Wein ist, ein Rascheln gehört. Was glaubt ihr, habe ich gesehen?
Ein Eichhörnchen! Es ist da herum geklettert, es hat so ausgesehen, als
wollte es in dein Zimmer, Martin." "Echt, ein Eichhörnchen?" rief Martin
begeistert. "Wollte es wirklich in mein Zimmer?" "Na, ja, es hat jedenfalls
so ausgesehen." antwortete der Vater.
"Moment mal," mischte sich die Mutter ein, "das würde die seltsamen Dinge
in Martins Zimmer erklären. Martin hat heute Morgen lauter Papierschnipsel
auf dem Boden gefunden. Das Fenster war auch offen. Könnte es sein, daß...?"Der
Vater nickte nachdenklich. " Daß es hinein geklettert ist? Das wäre natürlich
möglich. Da wir die Eichhörnchen bis jetzt ja nie in irgendeiner Weise
erschreckt haben, sind sie auch nicht besonders ängstlich. Natürlich ist
so was ungewöhnlich, könnte aber durchaus sein." "Toll" rief Martin. Er
fand den Gedanken, ein Eichhörnchen in seinem Zimmer zu haben, irrsinnig
aufregend. Ob man so ein Tierchen wohl als Haustier haben könnte?
Martin muß wohl so einen Ausdruck in seinem Gesicht gehabt haben, denn
in diesem Augenblick sagte der Vater: " Martin, so ein Eichhörnchen ist
kein Kuscheltier, weißt du? Man kann ein Tier, welches die Freiheit gewohnt
ist, nicht in einen Käfig sperren, das würde es sehr unglücklich machen"
Martin verzog das Gesicht. " Ich hab ja gar nichts gesagt, Papa, aber
lustig wäre es schon."
Man kam zu dem Entschluß, daß man das Fenster in Martins Zimmer über Nacht
wieder öffnen würde, ein paar Nüsse auf den Boden legen und am Morgen,
wenn die Nüsse fort wären, hätte man Gewißheit, daß es das Eichhörnchen
war, welches die Unordnung veranstaltet hatte.
Genau so geschah es dann auch. Am Abend, als es Schlafenszeit war, deponierte
Martin einige Nüsse auf dem Boden, öffnete das Fenster, nur einen Spalt,
gerade so weit, daß ein Eichhörnchen durch schlüpfen konnte und legte
sich schlafen. Am nächsten Morgen, als Martin aufwachte, schaute er sofort
nach, ob die Nüsse noch da waren. Und wirklich! Alle Nüsse waren verschwunden!
Martin freute sich. Hatte er doch schon gedacht, irgend ein Kobold hätte
in seinem Zimmer Quartier bezogen und ihm einen Streich gespielt. Er seufzte
erleichtert auf. Gleich beim Frühstück erzählte er den Eltern, daß alle
Nüsse weg waren. "Na, dann hätten wir ja den Missetäter entlarvt." stellte
der Vater fest.
Alle mußten lachen, weil so eine seltsame Sache passierte nicht alle Tage.
Von da an legte Martin jeden Abend einige Nüsse auf sein Fensterbrett,
damit das Eichhörnchen sie mitnehmen konnte. Das Fenster allerdings machte
er fortan immer zu... !
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