Mister Santa
von Tilde Michels
Diese Geschichte hat John Berry vor einigen Jahren in New York erlebt.
Er schreibt sie hier auf, genauso wie sie sich zugetragen hat:
Es war wie verhext. Ich konnte einfach keine Arbeit finden. Von Beruf
bin ich Installateur, aber ich hätte auch jede andere Stelle angenommen;
als Koch oder Ausfahrer oder sonst was.
Drei Monate war ich schon arbeitslos. Ich wohnte in einer kalten verwahrlosten
Bude. Wenn ich mich aufwärmen wollte, ging ich in eine Kneipe.
Das war Anfang Dezember. Immer um diese Zeit sind die breiten Prachtstraßen
von New York mit bunten Lichterketten überspannt, und aus allen Schaufenstern
der Innenstadt glänzt ein Weihnachtszauber von Glitzersternen, Elfen,
Zwergen und Spielzeugstädten. Auf dem Platz im Rockefeller Center steht
der größte Weihnachtsbaum der Welt. Er ist so hoch wie ein Haus mit Zehn
Stockwerken, und unter diesem riesigen Weihnachtsbaum gibt es in jedem
Jahr eine Schlittschuhbahn.
Aber damals interessierte mich das alles nicht. Ich hatte kein Geld, ich
war hungrig und durchgefroren, und ich suchte Arbeit. Jeder Job war mir
recht.
So kam es, daß ich Weihnachtsmann in einem großen Warenhaus wurde.
Vor Weihnachten hat jedes Kaufhaus seinen eigenen Weihnachtsmann; in Amerika
heißt er Santa Claus. Zu dem gehen die Kinder und flüstern ihm zu, was
sie sich wünschen. Der Kaufhaus-Santa-Claus schreibt ihre Namen und Wünsche
auf. Später holen sich die Mütter die Wunschzettel ab. Und weil das von
den Kaufhausleuten so praktisch eingerichtet ist, kaufen sie auch gleich
alles an Ort und Stelle.
Als Santa Claus also saß ich auf einem Weihnachtsthron in der Spielzeugabteilung.
Auf alt und würdig geschminkt, mit angeklebtem weißem Bart, rotem Umhang
und roter Zipfelmütze. Meiner Stimme gab ich einen tiefen und vollen Klang.
Vor mir standen die Kinder in einer langen Schlange und warteten, bis
sie an der Reihe waren.
Die Kleinen glaubten, ich sei der echte Weihnachtsmann; die Größeren natürlich
nicht. Die kamen oft nur, um mich zu ärgern. Sie zerrten an meinem Bart,
rissen mir die Mütze herunter und flüsterten mir statt ihrer Weihnachtswünsche
Schimpfworte ins Ohr.
Scharen von Kindern kamen jeden Tag. Ich habe längst vergessen, was sie
sich alles wünschten und wie sie aussahen - nur Paco habe ich nicht vergessen.
Sein braunes Gesicht mit den dunklen Augen sehe ich noch genau vor mir.
Eines Abends stand er da. Nicht gläubig wie die Kleinen, nicht übermütig
wie die Größeren. Ganz ernst blickte er mich an. Seine Hände hielt er
geballt in den Taschen. Er nannte mir seinen Namen und die Straße, in
der er wohnte. Sie lag im Norden der Stadt in einem elenden Viertel, wo
nur die ärmsten Farbigen leben.
"Mister Santa", sagte er mit einer rauhen Stimme in holprigem Englisch,
"ich brauche Schlittschuh."
"Schlittschuh?" fragte ich.
"Ja, Schlittschuh", wiederholte er. "Größe 6. Direkt am Stiefel festgemacht,
verstehst du?"
Ich antwortete nicht gleich.
Paco senkte den Kopf. "Meine Mutter sagt, sie kann die Schlittschuh nicht
kaufen. Aber du, Mister Santa...vielleicht kannst du..."
Die anderen Kinder drängten vor. Sie wollten endlich drankommen und schubsten
Paco weg. Er wehrte sich nicht.
Auf dem Nachhauseweg kam ich an der Eisbahn unter dem riesigen Weihnachtsbaum
vorbei. Dort sah ich Paco wieder. Seine dunklen Augen folgten den Kurven
und Kreisen der Schlittschuhläufer auf dem hellerleuchteten Eis. Die Musik
aus den Lautsprechern dröhnte über den Platz.
Es war kalt, und Paco hatte nur einen dünnen Pullover an. Aber er stand
unbeweglich und schaute auf die glitzernde Eisfläche.
Als er zum zweiten Mal ins Warenhaus kam, fragte ich ihn: "Paco, warum
brauchst du eigentlich Schlittschuhe? Es gibt doch viel nützlichere Sachen."
Da warf er die Arme in die Luft und sagte: "Mister Santa, Schlittschuhlaufen,
das ist..." Er suchte nach Worten und sagte dann nur: "Das ist schön."
Er fuchtelte mit seiner kleinen Faust vor meinem Bart herum. "Ich muß
Schlittschuh haben, verstehst du?"
Ich sah, daß der Abteilungsleiter uns beobachtete. Er merkte natürlich,
daß Paco allein war, daß niemand etwas für ihn kaufen würde. Und ohne
lange zu überlegen, flüsterte ich Paco zu, "Komm morgen wieder, Paco.
Morgen ist Heiliger Abend, da ist alles möglich... vielleicht sogar ein
Wunder."
Der Abteilungsleiter trat heran und sagte höflich, aber mit deutlichem
Tadel: "Santa Claus, da sind noch andere liebe Kinder, die warten."
Paco ging ohne ein Wort weg.
Am Vormittag des Heiligen Abends - es war mein letzter Tag als Santa Claus
- kaufte ich ein Paar Schlittschuhe mit Stiefeln Größe 6. Sie kosteten
eine Menge Geld. Fast die Hälfte meines Wochenlohns als Weihnachtsmann.
Und da fiel mir noch dazu ein, daß es mit den Schlittschuhen nicht genug
war, daß Paco auch Eintrittsgeld für die Eisbahn brauchte. Er hatte bestimmt
keinen Cent.
Wohl oder übel mußte ich ihm noch ein paar Dollar extra in die Stiefel
stecken. Ich tat es nicht gern, und ich ärgerte mich dabei über mich selbst.
"Total übergeschnappt", dachte ich. "Die Hälfte eines Wochenlohns für
einen fremden Jungen. Wohltätigkeitsfimmel! Weihnachtsmann spielen!"
Trotzdem wartete ich ungeduldig auf Paco.
Aber Paco kam nicht.
Die letzten Kinder waren abgezogen. Das Kaufhaus schloß seine Tore.
Ich legte die Santa-Claus-Verkleidung ab und zog meine eigene Jacke über.
Dann ging ich hinaus auf den Platz mit dem großen Weihnachtsbaum. In der
Hand trug ich die Tüte mit den Schlittschuhen.
Von der Eisbahn schallte die Musik herüber.
Langsam überquerte ich den Platz. Dann aber begann ich zu laufen, weil
ich plötzlich fürchtete, zu spät zu kommen. Ich drängte mich nach vorn
an die Eisfläche und suchte die Zuschauerreihen ab... und da entdeckte
ich Paco. In seinem dünnen Pullover stand er wieder dort und starrte auf
die Schlittschuhläufer. Die Fäuste hielt er vor den Mund gepreßt.
"Guten Abend, Paco", sagte ich.
Paco blickte zu mir auf. Er erkannte mich nicht. "Wer sind Sie, Mister?"
"Ich komme von Santa Claus", sagte ich. "Ich mache manchmal Besorgungen
für ihn. Er hat auf dich gewartet. Warum bist du nicht gekommen?"
Paco schüttelte den Kopf. "Meine Mutter hat gesagt, es gibt keine Wunder.
Für uns nicht."
Da reichte ich ihm die Tüte mit den Schlittschuhen. "Von Santa Claus",
sagte ich.
Mit offenem Mund schaute Paco in die Tüte. Es dauerte lange, bis er begriff,
daß die Schlittschuhe ihm gehören sollten.
"Von Santa?" fragte er leise. "Wirklich?"
Er deutete mit dem Kopf hinüber zum Kaufhaus. "Wartet er noch?"
"Es ist schon geschlossen", sagte ich. "Santa Claus ist fort. - Aber wenn
du willst, kann ich ihm sagen, daß du dich freust."
Paco nickte. Er drückte die Schlittschuhe an sich. Und dann lachte er.
Seine kleinen weißen Zähne blitzen aus dem dunklen Gesicht. Alles an ihm
leuchtete.
"Jetzt probier ich's", sagte er.
Dann rannte er zur Schlittschuhbahn.
Nach ein paar vorsichtigen Bögen auf dem Eis drehte er sich noch einmal
zu mir um. Er wedelte mit den Armen und schrie: "Ich kann's! Sagen Sie's
ihm! Sagen Sie Santa Claus, daß ich's kann! Und - fröhliche Weihnachten,
Mister!"
"Fröhliche Weihnachten, Paco", rief ich zurück.
Ich sah ihn davonkurven. er tauchte unter in der Menge der anderen Schlittschuhläufer.
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