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in der Weihnachtsstadt

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13.01.2018

In allen Nächten fiel der Schnee

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von Gunnar Gunnarsson (1889-1975).

Die kleinen Hütten in Grundarkot erzittern unter den grimmigen Pranken des Sturmes. Wie ein Ungeheuer, das ausgeht, alles Leben zu vernichten, brüllt er draußen vor den Fenstern seinen wahnwitzigen Gesang. Die Kinder, der neunjährige Arni und die fünfjährige Klein Gudny, sind aus ihrem Bett in das der Mutter gekrochen und drücken sich dicht an sie. Dumpfes Schweigen liegt über der kleinen Stube. Nur einmal hat Klein Gudny ins Dunkel hineingeflüstert: "Der liebe Gott ist böse..." Mutter Gudny sagt nur: "Schlaft, Kinderchen!" Dann ist alles still in der Stube. Es schläft aber niemand.
Die bitteren Erfahrungen von Jahrhunderten haben es diesen Menschen eingeprägt: In einer solchen Nacht geschieht etwas. Böse Mächte sind los, die harten Götter des Landes halten Opferfest.
Selbst Klein Gudny sitzt dies im Blut - erst spät in der Nacht wagt sie zu fragen: "Mutter, glaubst du, daß Vater noch vor dem Sturm hereingekommen ist?" Dann bricht sie in Tränen aus."Vater hat sich bestimmt auch heute abend durchgeschlagen", wagt Arni schließlich zu prophezeien; aber der Ton seiner Stimme straft die Bestimmtheit seiner Worte Lügen. Ähnliche Gedanken hatte auch die Mutter. Höskuld war ein Mann ohne Furcht. Und ein Man ohne Furcht hat zehn Auswege, wo andere nur einen haben oder - gar keinen. Sie hoffte. Aber sie war auf alles gefaßt. Vielleicht hatte Höskuld daran gedacht, daß es nur noch zwölf Tage bis Weihnachten waren.
Es war draußen still geworden. Sonderbar still. Bei der Heftigkeit des Unwetters schien es fast undenkbar, daß es schon vorüber sein sollte. Gudny lauscht ... Hören kann sie nichts. Aber es ist, als spüre sie ein Unwetter in weiter Ferne. Als die Kuh im Stall unter der Wohnstube sie daran mahnt, daß es Zeit zur Morgenfütterung ist, daß es also sechs Uhr sein muß, steht Gudny auf und sagt zu den Kinder: "Kriecht nur dicht aneinander und versucht wieder einzuschlafen, Kinderchen. Das Wetter ist so still geworden, da können wir Vater vielleicht schon vor Abend hierhaben."
Gudny zieht sich an wie gewöhlich, ohne Licht zu machen. Sie will nicht unnütz Licht brennen.
Als sie fertig ist, tastet sie nach der Tranlampe und schleicht sich mit ihr die Treppe hinunter und durch die Gänge ins Küchenhaus, wo die Glut der Asche das nie erlöschende schwache Herdfeuer am Leben erhält. Sie steckt die Lampe an, deckt die Glut wieder zu, füttert ohne Hast ihre Kuh und die Schafe und denkt dabei an Höskuld.
Vor zehn Jahren haben sie Grundarkot als Ödhof übernommen. Höskuld und sie - jung verheiratet. Jedes Stück Wand dieser Hütten hat Höskuld mit eigenen Händen gebaut, dicke warme Wände, zwei, drei Ellen stark, aus ausgesuchten flachen Steinen und gut durchgetrockneten Grassoden. Und ebenso hat er jedes Stück Bauholz, unverwüstliches Treibholz, mit Beil und Säge selber zugerichtet, genagelt und gefungt - Sparren, Balken, Pfosten, alles aus schwerstem, festem Kernholz. Das kleinste Stück auf diesem Hof ist Höskulds Werk. Er gehört hierher, er ist unentbehrlich.
Es schien undenkbar, daß er nie mehr in ihre Hütten zurückkehren sollte, wo er alles so
wohlbestellt hatte; wo er dafür gesorgt hatte, daß man in geschützten Gängen sogar die
Heuböden und Schafställe erreichen konnte, wo alles bis ins einzelne recht bedacht und
ausgeführt war. So zum Beispiel der Bach. Früher war er ein ganzes Stück vom Hause gewesen; jetzt hatte Höskuld ihm mit Klugheit und Fleiß ein neues Bett geschaffen, so daß er dicht an den Hütten vorüberfloß. Und er hatte ein Häuschen darübergebaut, damit man nicht jedesmal Schnee schaufeln und Eis aufhacken mußte, wenn man Wasser holen wollte. und selbst dieses Schöpfhäuschen war durch einen Gang mit dem übrigen Hof verbunden.
Zwei strahlende Augenpaare begegneten dem Schein der Tranlampe, als die Mutter später über das Bett hinleuchtete. Und mit äußerst wacher Stimme fragte Arni: "Warum wird es heute gar nicht hell, Mutter?"
Gudny stutzte. Schon ein paarmal war sie an diesem Morgen aus dieser seltsamen Stille von einem unheimlichen Gefühl angeweht worden. Mit würgendem Griff hatte dies Sonderbare ihr den Atem stocken machen wollen. Aber das währte nur einen Augenblick, sie blieb stehen und lauschte, dann sagte sie ruhig: "Gleich geh' ich hinaus und versuche, den Schnee von den Scheiben zu kratzen, Kinderchen!"
Arni war im Nu aus dem Bett: "Das kann ich ja tun, Mutter!" Er wollte im Laufe des Tages noch mancherlei leisten - Torf holen, der Kuh und den Schafen Wasser bringen, ausmisten...
Die Mutter wollte doch lieber mitgehen, den Torf zu holen, aber vorläufig kamen die beiden nicht weiter als bis zur Haustür. Sie ging nach außen auf, rührte sich jetzt aber nicht. Es mußte sich eine Schneewehe angehäuft haben. Mutter und Sohn lachten über ihre vergebliche Mühe.
Denn glücklicherweise gab es noch einen anderen Ausgang - die Tür zum Schafstall. Und die Tür ging nach innen auf. Als sie sie aber öffneten, standen sie auch hier vor einer Schneewand. Da lachten sie noch mehr. Sie waren eingeschneit!
Zunächst nahmen sie einen langen Bergstock. Sie wollten versuchen, ein Loch in die
Schneewächte vor dem Schafstall zu bohren - um zu messen, wie dick sie war. Lange bohrten und stachen sie nach allen Richtungen, aber die Schneewehe schien dicker zu sein, als sie gedacht hatten. Gudny fing allmählich an, sich ihr Teil zu denken. Arni aber blieb lustig und unbekümmert. Sie machten sich von neuem an die Haustür, und es gelang ihnen, sie aus den Angeln zu heben. Aber auch hier war kein Durchkommen durch die Schneewehe. Gudny nahm eine Schaufel und begann plötzlich zu graben - hastig, nach außen und oben ... Bald troff ihr der Schweiß von der Stirn, und ihr Haar hing in Strähnen. Sie warf große Schaufeln voll Schnee in das kleine Vorhaus und rief mit einem Mal ärgerlich: "Tritt doch den Schnee fest und schaff Platz!
Greif zu Junge!"
Etwas maulend machte sich Arni daran, den Schnee niederzutreten, und nahm dabei ab und zu die Tranlampe aus der einen verklammten Hand in die andere. Die Mutter kümmerte sich nicht um ihn. Sie schaufelte unablässig. Zugleich arbeiteten ihre Gedanken. Und allmählich wurde sie ruhiger. Sie hatte mehr als einmal erlebt, daß sich große Schneewächten vor den Türen und Fenstern eines Hauses aufhäuften. Aber sie hatte noch niemals so dicke Wächten erlebt, daß sie alles Tageslicht aussperrten und daß der Schnee von drinnen wie eine flimmernde dunkle Mauer anzusehen war. Sie warf plötzlich die Schaufel hin und lief ins Küchenhaus ...
Nein - auch durch das Rauchloch drang kein noch so kleiner Tagesschimmer. Gudny suchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie ernstlich eingeschneit waren, daß sich das Schneemeer einfach über ihrem kleinen Hof geschlossen und ihn ertränkt hatte, daß der Sturm vielleicht droben über den Dächern weiterraste und so fortrasen konnte.
Solange das Unwetter dauerte, würde kein Mensch am Hof vorüberkommen, soviel war sicher.
Und wenn das Wetter sich legte und man entdeckte, daß der Hof auf dem Grund eines
Scheemeeres lag, das vielleicht das ganze Tal ausfüllte - ob man dann wohl versuchten würde, sich bis zu ihnen hinunterzugraben? Aber selbst wenn man es versuchte - würde man den Hof finden? Den ganzen Winter über konnte da alle Arbeit vergeblich sein, falls sich der Schnee richtig dick und gleichmäßig über die ganze Talsohle gelegt hatte. Unter dem Schnee einen Hof zu suchen dünkte sie nicht anders, als ein gesunkenes Schiff in der unsichtbaren Meerestiefe zu suchen. Nein, noch schwieriger und hoffnungsloser ... Sie und die Kinder waren also in einer Lage, wie sie nicht schlimmer sein konnte - einsam auf dem Grunde dieser dunklen, weißen Tiefe des Todes. Allein und - ohne Feuerung. Das bißchen Wasser im Bach würde wohl auch versiegen, das hatte sie in Schneewintern schon früher erlebt. Und wenn es zu tauen anfing, würde das Wasser von allen Seiten eindringen und die Räume überschwemmen ... Doch da es ihr und den Kindern so schelcht ging, mußte Höskuld noch leben! Dessen war sie mit einem Male
gewiß. Denn auch das gehörte zu den Ahnungen und Überlieferungen der Familie: Niemals waren alle zugleich in Gefahr. Nein, Höskuld lebte! Gudny nahm Arni die Lampe ab und strich ihm über den Kopf. "Wir sind wirklich eingeschneit, Arnichen. Und das ist schlimm genug", sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. "Aber jetzt weiß ich, daß Vater lebt - hörst du? Mutter weiß es. Und wir beide werden uns schon hinausgraben - und wenn wir von heute bis Neujahr schaufeln müssen!"
Ja, es blieb nichts anderes übrig. Aber die Feuerung? Sie konnten weder Grütze noch Fleisch kochen, überhaupt nichts kochen, mußten alles kalt essen. Und Brot konnten sie auch nicht backen.
"Vor allen Dingen schaufeln wir uns einen Gang zum Torfstapel!" beschloß Gudny. Sie nahmen diesen Gang gleich in Angriff. Als sie aber vier Tage lang gegraben hatten und achtzehn Ellen weit gekommen waren, mußten sie sich gestehen, daß sie eine falsche Richtung eingeschlagen hatten. Während der ganzen Zeit gab es nichts anderes zu essen als saure Blutwurst und das bißchen Milch von der Kuh. Der Mut sank ihnen.
Die Tranlampe brannte Tag und Nacht. Wenn sie ausginge, wären sie unrettbar zur Finsternis verdammt. Denn das Herdfeuer war jetzt erloschen. Bebenden Herzens dämpfte Gudny jeden Abend die kleine Flamme. Sie wagte kaum zu schlafen, aus Furcht, das Licht könne erlöschen.
Eines Tages bemerkte sie, daß sich die Wohnstubendecke zu senken begann ... Einen
Augenblick lang saß sie auf der Bettkante, und ihr Herz erstarb. Sie gab alle Hoffnung auf. Dann aber fiel ihr der Dachboden über dem Schuppen ein.
Dort gab es Bretter ... Und Gudny riß in fieberhafter Eile diesen Boden los und spaltete die Bretter, um Versteifungen für die sinkende Decke daraus zu machen. Sie wagte nicht daran zu denken, wie tief sie begraben sein müßten, wenn sich die Decke senkte. Ein so starkes Dach!
Gudny aber ergab sich nicht. Höskuld lebte! Und ihre Kinder sollten auch leben. Ihre vom Tode bedrohte Lage weckte eine Findigkeit in ihr, die bisher niemand vermutet hatte.Der Weihnachtsabend kam. Gudny und die Kinder setzten sich zur Kuh, um nicht allein zu sein. Sie krochen in ihrem Stand eng zusammen. Und dort saßen sie und sangen Weihnachtslieder und Choräle - alle, die sie konnten, zuletzt Volkslieder und Kinderverse, und schufen ihren Herzen Ruhe in Betrübnis und stärkendem Ausharren. Die Kuh lag still und zufrieden wiederkäuend da, legte ihr Maul in Gudnys Schoß und ließ sich kraulen. Als sie abends die Schafe fütterten, mußten sie vergessen haben, die Tür zu schließen; denn plötzlich füllte sich der kleine Stall mit blökenden Lämmern, die sich scheu zusammendrängten und in den Ecken durcheinanderstolperten, dann aber so zutraulich wurden, daß sie die Krippe der Kuh untersuchten und Gudny und den Kindern die Hände beschnupperten, ob sie nicht nach Brot oder anderen Leckerbissen röchen.
Jeden freien Augenblick schaufelten Gudny und Arni an dem Tunnel ins Freie, an der Treppe zum Leben. Jeweils in Kniehöhe traten sie eine Stufe fest und hart. Dann bohrten sie weiter aufwärts. Sie waren zehn Stufen hoch und schon ein gutes Stück über den Dächern der Hütten, doch immer noch war kein Lichtschimmer zu erspähen. Keine Botschaft eines Tages. Es überfiel Gudny der Gedanke, die Welt möchte untergegangen sein - alle Siedlungen, alles Land von berghohem Schnee überlagert. Sie konnten schaufeln und schaufeln, solange sie noch etwas zu essen hatten; wenn sie aber eines Tages durch die Schneeschicht brächen, dann vielleicht nur, um über eine öde, ausgestorbene Erde hinzuschauen, auf der kein Leben mehr gedieh.
Das Wasser im Bach begann langsam zu versiegen. Bald sickerte da nur noch ein so kärgliches Naß, daß sie den ganzen Zustrom leicht auffangen konnten. Immer hatten sie einen Eimer oder eine Bütte unter dem spärlichen Rinnsal stehen, das nur nocht tropfte. Nichts durfte verlorengehen.
Die Schafe bekamen längst kein Wasser mehr, sie mußten sich damit begnügen, Schnee zu fressen. Gudny versuchte auch die Kuh daran zu gewöhnen. Aber das machte sich bei der Milch bemerkbar - auch sie floß nicht mehr so reichlich wie vorher. Alle Quellen waren nahe am Versiegen - auch die Quellen des Mutes.
Arni schlug eines Tages vor, sie sollten noch einmal versuchen, den Torfstapel zu finden. War er aber rechts oder links von dem Gang zu suchen, den sie vergebens gegraben hatten? Das wußten sie nicht.
Am Neujahrstag brachen sie durch. Neujahrstag! Sie meinten, bisher nie gewußt zu haben, was Neujahr war. Nun wußten sie es: Neujahr war frische Luft in den Lungen, Sonne und hartblauer Himmel.
Als sie dreizehn Stufen hoch waren, hatte der Schnee begonnen, Licht durchzulassen. Als das Gudny klar wurde, brach sie zusammen - sie mußte sich setzen und sich ans Herz greifen. Es drohte ihr die Brust zu sprengen.
Als dieser Schwächeanfall überwunden war, griff sie wieder zu und arbeitete wie eine Rasende. Und plötzlich standen sie in einer Flut von Licht, die aus einem blauen, klaren Himmel niederströmte - fünfzehn hohe Stufen führten zu einer Schneefläche hinauf, die sich unter dem perlenden Himmelsblau in fein gerippte Wellen weithin dehnte, bis zu der schneeblauen Hochheide auf der einen, zu dem tagblauen Fjord auf der anderen Seite, und unmerklich verschwimmend in glatte Berghänge überging.
Die Mutter stürzte hinunter und holte Klein Gudny, wickelte sie in einen Wollschal, preßte sie an sich und sprang mit ihr die steilen, glatten Stufen hinauf - Arni stand schon oben, von Licht umflutet, und starrte, die halbblinden Augen mit der Hand überschattend, nach einem sich in die Landschft zeichnenden dunklen Strich hinüber, hinter dem viele Menschen zum Vorschein kamen. Eine ganze Schar!
Einer dieser Männer begann plötzlich zu rennen, löste sich von den anderen und kam in
schwerem Trab über die verharschte Schneefläche heran. Schon bevor sie ihn erkannte, wußte Gudny, daß es Höskuld sein mußte - Höskuld! Da quoll es in ihr auf, sie preßte Klein Gudny fest an sich - ein kurzes, schluchzendes Weinen.
Dann war Höskuld da und starrte in den Schneeschacht hinunter. Lange stand er abgewendet, mit feucht schimmernden Augen.
Als Arni fand, das Schweigen habe nun lange genug gedauert, sagte er, und seine Stimme schwankte wie ein Vorgel vor einem Sturmstoß -: "Wir haben uns mächtig plagen müssen, Vater!"
Höskuld legte ihm die Hand auf den Kopf. Dann wendete er sich mit niedergeschlagenen Augen zu seiner Frau: "Wir hätten euch niemals gefunden, fürchte ich." Er räusperte sich: "Wann seid ihr ganz eingeschneit?"
"In der Nacht, nachdem du fort bist."
Höskuld streicht sich über die Stirn und sagt mit weltfernem Blick: "Achtzehn Tage..."
Jetzt aber kommen die Männer heran, die Höskuld aus der Gegend zur Hilfe geholt hat. Damit kommt Unruhe in die kleine Gruppe. Und mitten in diese Unruhe hinein fragt plötzlich Klein Gudny mit ihrer hellen, unschuldigen Kinderstimme: "Ist der liebe Gott jetzt nicht mehr böse, Mutter?"