Du bist Besucher
in der Weihnachtsstadt

Zuletzt aktualisiert
20.03.2018

Die schlesische Weihnacht

Gefunden auf www.weihnachtsstadt.de
  1. Hauptseite
  2. Geschichten
  3. Sonstige Geschichten
  4. Die schlesische Weihnacht
von Charleen

Eigentlich fing es damit an, daß Mutter den Lebkuchenteig anrührte, lange vor dem Fest. So richtig gute Lebkuchen brauchten nach dem Backen schon eine geraume Weile, ehe sie weich und saftig wurden. Allein schon der Duft, der die Küche einhüllte, Kardamon und Zimt, Honig und viele Gewürze, die man als Kind ja nicht so genau definieren konnte. Unsere große weiße Backschüssel nahm alles auf, und dann wurde geknetet und probiert. Da noch ein Quentchen Sirup oder eine Prise Hirschhornsalz. Wenn Mutter nicht hinsah, naschte ich heimlich. Der Teig war eine zähe, klebrige Masse, und nur ein wirklich gesunder Kindermagen konnte das verkraften. War er fertig und wurde ausgerollt, bekam ich auch Ausstechförmchen und konnte mithelfen. Aber wohlweislich auch ein eigenes Backbrett, denn nach mehrmaligen Ausrollversuchen färbte sich mein Klümpchen Teig noch dunkler, als es von Natur aus schon war. Das meiste landete sowieso in meinem Schleckermaul. Waren alle Plätzchen im Ofen, fing es an zu duften. Vater kam dann auch in die Küche. Während Mutter ein Blech nach dem anderen aus dem Herd holte, stibitzten wir schon die heiße Köstlichkeit.

Große Lebkuchendosen wurden herbeigeschafft und nach dem Erkalten der Plätzchen bis an den Rand gefüllt. Vieles wurde probiert, obwohl die Besagten, Süßen doch sehr hart waren. Aber bald schon, in ein paar Wochen, würden sie weich und gut sein. Zu dieser Zeit fingen auch all die Heimlichkeiten an. Im Haus, in der Wohnung, schleppte bald jeder von uns etwas mit sich herum. Wo war wohl der beste Platz, um etwas bis Weihnachten zu verstecken? Unser Vater war im Keller tätig und kam bisweilen nur noch zu den Mahlzeiten heraus. Überhaupt, die Speisen vor Weihnachten waren nicht üppig. Man sollte sich die Gelüste aufsparen, damit die Vorfreude auf die vielen guten Dinge so richtig genossen werden konnte. Mutters Heimlichkeiten erstreckten sich bis in die Nacht hinein. Denn tagsüber wurde sie gequält mit so vielen Fragen, wenn sie auch nur ein kleines, buntes Tüchlein oder ein Stoffrestchen in der Hand verbarg. Gehäkelt und gestrickt hat sie dann bis in den frühen Morgen. Puppenkinder die zerzaust aussahen, bekamen unter ihrer Hand wieder Glanz und neue Kleider. Am Heiligen Abend saßen sie dann unter dem Baum, die Annas und Lottchens. Mit blauen und weißen Bändern im Haar, manchen hatten sogar neue Schühchen an.

Ich habe damals versucht, mit meinen ungeschickten kleinen Kinderhänden einem grauen Knäulchen Wolle und einer so verflixt glatten Häkelnadel ein Geschenk für Mutter zu entlocken. Die Finger verkrampften sich, und der so erbärmlich wirkende Topflappen war hart wie Stein. Dann warf ich meistens alles erst einmal in die Ecke und verlegte mich aufs Malen. Dabei blieb ich dann, Vater und Mutter freuten sich anscheinend doch immer wieder am meisten über diese Stilleben" aus meiner Hand. Sie taten jedenfalls so.

Das Wohnzimmer blieb so ab Anfang Dezember für uns Kinder tabu. Der Schlüssel zur Tür wurde versteckt, und nur Mutter oder Vater holten ihn hervor und gingen leise ein und aus. Selbst das Schlüsselloch wurde verstopft, damit auch ja nichts zu entdecken war.

Die Adventszeit war also aufregend und schön zugleich für uns. Der Breslauer Weihnachtsmarkt mit dem Zauber der Buden, dem Duft nach Zimt und Glühwein. Um diese Zeit lag meist schon der erste Schnee, und wir gingen mit Mutter dorthin, um zu schauen und auch um ein wenig zu kaufen. Ich besaß einen kleinen, waren Muff und eine weiße, herrliche Pelzmütze. Beides war aus Kaninchenfell und alles Handarbeit. Ich stapfte neben Mutter her und begutachtete die vielen Dinge. Hampelmänner in allen Farben. Zinnsoldaten für die Jungen. Man konnte heiße gebackene Äpfel bekommen, knackige Würstchen bei der alten Marktfrau. Ihr Gesicht war hutzelig, und aus ihren müden Augen rannen Bäche von Tränen, durch die Kälte verursacht. Ihre Hände waren rot und rissig. Sie pries immerzu ihre Waren an: heiße Wiener, a bissel Mostrich dazu, an, wie wär's, junge Frau?" Mutter ließ mich bei ihr immer für eine kleine Weile zurück und verschwand mit einem Päckchen in einem der alten Häuser direkt am Rathaus. Im zweiten Stock hatte ein Puppenmacher seine Werkstatt, und mir fehlten ja seit ein paar Tagen zwei meiner geliebten Puppenkinder. Wie gerne wäre ich einmal mitgegangen, nach oben in diese Werkstatt. Mutter nahm mich niemals mit, ich weiß bis heute nicht den Grund. Aber es wird schon einen gegeben haben.
Kam sie dann zurück, lachte sie und tat sehr geheimnisvoll. wir gingen zusammen zu Waxmann, einem Süßwarengeschäft. Dort wurde eingekauft, was Kaufladen und Puppenstube so alles nötig hatten. Das meiste war marzepanich" oder aus Fondant. Auch Liebesperlen und Zuckerlinsen usw. usw. Während Mutter aussuchte, wurde ich abgelenkt, denn alles um mich herum war Weihnachtsgeheimnis. Pfefferminzbruch kam als Abschluß in eine große Tüte. War die Draufgabe der Chefin selbst. Sie saß nur an der Kasse und sah nobel aus. Sie trug eine Gemmenbrosche an ihrer schneeweißen Bluse. Mutter und sie müssen sich gut gekannt haben, ihre Unterhaltung war immer sehr herzlich.

Dann wurde eingekehrt, meist in den Schweidnitzer Keller, einem Lokal im Rathaus. jeder Breslauer kannte es. Es war urgemütlich, viele Studenten in ihren bunten Mützen saßen an weißgescheuerten Holztischen. Wie lang ist das nun alles her!

Wir gingen auch jedes Jahr um diese Zeit ins Breslauer Theater. Vater bekam immer Karten geschenkt. Allein die Vorfreude auf dieses Ereignis war riesig. Meist waren es Singspiele für Kinder, das Ballett Die Puppenfee" oder Der Kuchenpeter". Auch Hänsel und Gretel", die Märchenoper von Humperdinck stand auf dem Programm. Ich trug dazu ein Kleidchen aus hellblauem Musselin. Der kleine runde Kragen war aus grauem Satin, und mit weißen Strümpfen und schwarzen Lackschuhen war ich wirklich fein herausgeputzt. Wie festlich war alles. Mutter ermahnte mich immer wieder, ja leise zu sein, nicht laut im Theater zu sprechen, überhaupt sich manierlich zu benehmen. Damals fiel mir das noch nicht schwer, die meisten Kinder in meinem Alter waren brav und wohlerzogen. Später, in Bayern, hatte ich so meine liebe Not mit dem Bravsein. Alles zu seiner Zeit.

Nikolause konnten mich damals nicht ergötzen, ich wüßte schon, wie es damit aussah. Hatte einmal meiner lieben Tante Margot die Larve vom Gesicht gezogen und war daraufhin mehrere Tage ziemlich verstört. Ich hatte so fest an den heiligen Mann aus dem Himmel geglaubt. Eine Enttäuschung, die wohl jedem Kind nicht erspart bleibt.

Je näher das Christfest heranrückte, um so mehr Arbeit hatten die Eltern. Besonders Mutter gönnte sich keine ruhe. Sie lief Treppauf', treppab. Ihre von Natur aus roten Wangen wurden noch röter. Verwandte schauten bei uns herein, es wurden Berge von den saftigen Lebkuchen und ofenwarmer schlesischer Streuselkuchen aufgetischt. Jeder freute sich auf das Fest. Nur Mütter wirkten in diesen Zeiten auch gehetzt, genauso wie heute. Es hat sich auf diesem Gebiet nichts geändert. Nur alles war eine Spur leiser und geheimnisvoller. Weder grelles Neonlicht der vielen tausend Lichterketten in den heutigen Warenhäusern störte noch das schrille Gedudel der alten vertrauten Weihnachtslieder, die Kinderherzen begeistern und Eltern in einem Kaufrausch stützen sollen. Es wurde auch geschenkt, aber viel bedachter als heute. In den Gassen der Stadt huschten die Menschen, Christbäume wurden auf den Märkten angeboten. Sie kamen aus den Wäldern des Riesengebirges, dufteten nach frischem Harz und hatten Schneehauben auf Spitze und Zweigen.
Allein diese Bäume trugen auch zum Geheimnis meiner Kinderzeit bei. Erklang am heiligen Abend die kleine Glocke und die Wohnzimmertür wurde langsam geöffnet, dann war da nur erst einmal dieser Baum! So festlich geschmückt die Spitze mit den silbrig schimmernden Glöckchen daran. Eingesponnen in Fäden von feinem Engelshaar. Sie bewegten sich leise im Wind der Kerzenwärme. Kleine Trompeten und zerbrechliche Kugeln, Lametta und viele echte weiße Kerzen schmückten unsere Tanne. Im Zimmer war es ganz dunkel, nur der Baum strahlte, funkelte und duftete. Die Eltern standen Hand in Hand und schauten auf uns Kinder. Wie dankbar ich damals war, ja, das kann ich heute nur noch erahnen. Selbst in den Kriegsweihnachten haben die Eltern noch immer versucht, uns den Zauber dieser Stunden zu bescheren.