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Zuletzt aktualisiert
20.03.2018

Meine stille Leidenschaft

Gefunden auf www.weihnachtsstadt.de
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Martina Moritz

Meine Nachbarin, Frau Dresemann, hat es immer schon gewusst: Weihnachten ist der pure Stress!
Von wegen Fest der Liebe, sagt sie ungehalten und deutet auf eine prallgefüllte Einkaufstüte, die neben zahlreichen anderen auf dem Boden steht.
Geschenke für die Kinder, den Mann und die Schwiegereltern. Jedes Jahr das Gleiche.
Betreten schaue ich zu Boden, geradewegs auf meine fünf Jute-Einkaufstaschen, in denen sich, natürlich, Weihnachtsgeschenke befinden. Während mir Frau Dresemann einen Vortrag über den Sinn des Weihnachtsfestes hält, verfalle ich ins Grübeln. Ist Weihnachten noch das Fest der Liebe? Wie sagte Elfi, meine Lieblingscousine, die grundsätzlich nur selbstgestrickte Socken verschenkt, eines Abends zu mir: Schöner, größer, teurer lautet die Devise. Und doch: Ich liebe Weihnachtsmärkte. Ich bin verrückt nach ihnen. Sie sind echte Fundgruben der Inspiration für mich. Neben Fußbällen, Kirschkernsäckchen und Ferrari-Fanartikeln findet man magische Amulette, Plastikhexen mit Totenschädeln und mexikanische Ledertaschen im Sortiment.
Letztes Jahr zum Beispiel habe ich einen aufblasbaren, ein Meter fünfzig hohen Plastikweihnachtsbaum ergattert, der, hübsch dekoriert mit aufgemalten Weihnachtskugeln und -kerzen, mein Herz im Sturm eroberte. Mein Gatte Achim war entsetzt. Wir einigten uns darauf, die Blautanne samt Mamas teuren Glaskugeln im Wohnzimmer aufzustellen, mein Plastikbaum fand einen Gnadenplatz im Esszimmer. Originell war auch der als Blues-Brother verkleidete Schokoladen-Nikolaus mit Waschbrettbauch, den ich, ebenfalls im letzten Jahr, für Elfi erwarb. Elfi hatte ihn zum Fressen gern.
Und wo wir beim Plaudern sind: Mein als Engel verkleidetes Schweinchen, den Glasdalmatiner mit Knochen, das ägyptisches Goldöl und den Klobrillenbezug aus rotem Plüsch, ein Geschenk für Achim übrigens, habe ich vorhin, selbstverständlich auf dem Weihnachtsmarkt, erstanden. Elfi findet langsam Geschmack an meinen individuellen Weihnachtsgeschenken. Letztes Jahr schenkte sie mir einen erotischen Jahreskalender, auf dem knackige Jungs abgebildet waren, Hundeparfüm für den nicht vorhandenen Hund und einen Gutschein für ein Detektivwochenende in der Eifel
Ich habe allerdings auch schwachen Stunden. Dann frage ich mich, warum ich ausgerechnet Klobrillenplüschbezüge an meinen konservativen Mann verschenke? Auf alles gibt es eine Antwort, sagte Elfi neulich zu mir und drückte mir einen Zeitungsartikel in die Hand. Eine Kölner Psychotherapeutin hat sich über die Psychologie des Schenkens Gedanken gemacht und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Oder hätten Sie gewusst, dass ein Mann, der seiner Frau jedes Jahr Parfüm schenkt, ein Langweiler ist, der keine Lust hat, sich ein individuelles Geschenk für seine Liebste auszudenken? Dass eine Frau, die an jeden und alle immer nur selbstgebackene Plätzchen verschenkt, und das ausschließlich, phantasielos und unpersönlich handelt? Und das Tante Trude, die grundsätzlich nur schöne Rahmen mit dem eigenen Konterfei verschenkt, sich selbst ein Denkmal setzen möchte?
Ein Glück, dass Frau Dresemann und die Psychotherapeutin nichts von meiner Leidenschaft für eigenwillige Weihnachtsgeschenke ahnen. Zugegeben, ein wenig anstrengend ist es schon. Finden Sie mal zwischen Weihnachtskugeln, Glühwein und Bienenwachskerzen einen Glasdalmatiner mit Knochen. Immerhin habe ich Elfi dazu gebracht, mir nicht mehr grün-rosa gestreifte Socken unter den Tannenbaum zu legen. Und spätestens wenn Achim, Elfi und ich die Geschenke unterm Plastikbaum auspacken, ist die Welt wieder in Ordnung. Wem so etwas zuviel wird, die Marathon-Einkaufsbummel, das Plätzchen backen und das Bekochen der angereisten Verwandtschaft, dem sei geraten, sich in den nächsten Flieger nach Spanien zu setzen. Ich persönlich empfehle LTU als Reisegesell-schaft. Die erlauben dem weihnachtsgeplagten Urlauber, kostenlos die eigene Tanne im Flieger mitzunehmen. Und wer weiß - vielleicht entdecken wir Frau Dresemann, samt Ehegatten, Kinder und Schwiegereltern im Flieger Richtung Süden. Und neben ihr thront, liebevoll verpackt, die festlich geschmückte Blautanne. Und ich? Ich packe meinen Glasdalmatiner samt Knochen aus, ergötze mich an Achims Gesicht, wenn er den Klobrillenplüschbezug auswickelt und helfe Elfi in den Ballerinen-Tütü. Nicht das Elfi tanzen könnte - aber sie sieht bestimmt entzückend im Tütü aus.