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13.01.2018

Die Katze

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Von Daniel Trowski

Nachmittags fielen die ersten breiten Schneeflocken. Den Vorboten folgten unzählige weitere, die in dichten Reihen auf die Erde fielen.
Der Winter breitete sich selbstsicher überall aus.
Die Menschen bewegten sich vorsichtiger, und dort, wo die Vögel bei ihrer Suche nach Futter umherhüpften, sah man kleine zierliche Muster auf der gleichmäßigen Schneedecke.
Abends zündeten die Eltern Kerzen an, und wenn der Wind um das Haus pfiff, sprach man vom bevorstehenden Weihnachtsfest.
Thomas schrieb schon lange an seinem Wunschzettel, der bald so lang war, daß er bis zu den Sternen gereicht hätte. Er hatte so viele Wünsche, aber er wußte, daß das Christkind alle Kinder beschenken mußte, und so schrieb er langsam und sauber unter seinen Wunschzettel: Liebes Christkind! Schenke mir nur das, was Du wirklich übrig hast.
Die Mutter erhählte Thomas nun hin und wieder vom sinn des Weihnachtsfestes, und daß es wichtiger sei, anderen Menschen eine Freude zu machen als sich nur selber Dinge zu wünschen, die man nicht so unbedingt brauchte.
Das hörte sich ja alles sehr einleuchtend an, aber Thomas konnte sich nicht vorstellen, wer etwas von ihm hätte brauchen können. Und hatten nicht alle anderen viel mehr als er?
Das Weihnachtsfest rückte immer näher; man sah das schon an Thomas' Adventskalender, an dem von Tag zu Tag mehr Tore offen standen, und man sah es auch an den Kerzen auf dem Adventskranz, von denen nur noch eine neu und unberührt ihren schneweißen Docht nach oben reckte.
Vor den Warenhäusern hatten sich falsche Nikoläuse aufgestellt, die Zettel für viele unnütze Dinge verteilten, die allesamt mit dem Weihnachtsfest nichts zu tun hatten.
Selbst der alte Herr Weirauch, der ihnen in seinem kleinen Lebensmittellädchen für ihre Groschen Lakritze und Zuckerstangen verkaufte, hatte in seinem Schaufenster neben den staubigen Weinflaschen und vergilbten Kartons, die dort schon seit Jahren standen, einen Rauschgoldengel aufgestellt, denn Herr Weirauch wußte schließlich, was ein Kaufmann seiner Kundschaft zu Weichnachten schuldig war.
Auf den wenigen freien Plätzen in der Stadt, neben all den abgestellten Autos, hatten Männer mit tropfenden roten Nasen, Gummistiefeln und dicken wollenen Schals ihre Tannenbäume säuberlich in Reih und Glied aufgestellt, um sie bis zum Heiligen Abend zu verkaufen.
Im Campingwagen, dort, wo die Tannenbaumverkäufer ihre alte grüne Kasse mit dem Wechselgeld aufbewahrten, bullerte ein kleiner Kanonenofen, und es roch so feierlich nach verbranntem Tannengrün und verbrennendem Harz.
Mit jedem Tag wuchs Thomas' Unruhe, und mehr als einmal ermante ihn die Mutter: Thomas, steh mir nicht immer im Weg! Oder: Mußt du denn immer hinter mir her laufen? Andere Kinder können doch auch still allein spielen! Aber all die vielen Schachteln und Kartons, in denen Thomas seine Spielsachen aufbewahrte, hatten ihen Reiz verloren, wenn die Mutter dasaß und die ersten Weihnachtskarten an Onkel Karl oder Tante Elise schrieb oder die ersten Zimtsterne aus dem fein gerollten Teig drücke. Und was waren Gummiindianer und Modellautos gegen das geheimnisvolle Hantieren hinter verschlossenen Türen und dem Duft nach frischen Plätzchen, der sich in der Küche breitmachte.
Die Tage vergingen zäher, so daß es Thomas schon wie ein kleines Wunder vorkam, als der 23. Dezember, der Tag vor dem Heiligen Abend, endlich herangekommen war.
Als Vate seine Aktenmappe, in die Mutter sonst jeden Morgen die Thermosflasche mit dem dampfenden Kaffee und die in Tettpapier eingewickelten Brotschnitten legte, in den Spind schloß und erleichtert sagte: So, jetzt ist's mal einige Tage Schluß mit dem Büro! schien es Thomas, als wenn Weihnachten zum Greifen nahe sei.
Die Mutte strich Vater liebevoll übers Haar und meinte: Weihnachten wäre noch mal so schön, wenn nicht die viele Arbeit wäre. Zudem ist alles so teuer. Ich habe heute unseren Puterbraten gekauft. Rate mal, was der gekostet hat. Vater reckte die Arme über dem Kopf, schloß die Augen und sagte gähnend: Hör doch auf damit, ich hab' jetzt Feierabend und will den genießen. Weihnachten ist nur einmal im Jahr, und das Weihnachtsgeld kann doch noch nicht aufgebraucht sein. Was gibt's denn heute abend zu essen?
Ich kann dir die Reste der Suppe von gestern abend aufwärmen. Du weißt ja - vor dem Heiligen Abend gibt's nie etwas Besonderes. Dann hast du morgen auch Appetit auf unseren Puterbraten.
Aber Vater hörte schon nicht mehr hin, sondern verfolgte im Fernsehen scheinbar versunken einen weißgekleideten Mann, der in einer Flasche ein Mittel zur Stärkung oder so ähnlich anbot. Auf jeden Fall waren alle, die aus der Flasche tranken, unheimlich stark und unternehmungslustig. Ob es so etwas auch für Vater gab?
Plötzlich schien es Thomas, als wenn Weihnachten doch noch sehr weit entfernt wäre. Auch die behagliche Stimmung war nicht mehr da.
Thomas, es ist schon spät. Du mußt ins Bett, mahnte die Mutter. Ich habe aber noch so schlrecklichen Hunger, meinte Thomas listig. Darf ich ein Stück vom Puterbraten probieren? Aber Mutter war nicht zu erweichen, ihm auch nur ein klitzekleines Stück von diesem Puter abzugeben, sondern bot Thomas ein Stück Brot mit Marmelade an, was eigentlich ein ganz guter Ersatz war.
In der Nacht träumte Thomas von einer chromblitzenden Taschenlampe und einem kleinen Jungen, der auf einem nagelneuen roten Roller um einen Puterbraten fuhr.
Der nächste Morgen war kein gewähnlicher Morgen, denn er gehörte zum Heiligen Abend. Thomas lag im warmen Bett und hörte, wie Vater und Mutter sich in der Küche leise unterhielten. Aber vielleicht ging es bei diesem Gespräch um das Christkind, und so zog sich Thomas doch lieber rasch an, nicht ohne vorher im Bad die Wasserhähne beide, für warm und für kalt, ganz aufzudrehen. Das klang gewaltig nach großem Waschen und machte, wenn man dem Wasser nicht zu nahe kam, auch gar nicht naß.
Komm, spiel noch was, Thomas. Vater muß den Weihnachtsbaum schmücken, ich gehe die letzten Kleinigkeiten für das Fest kaufen, und dem Christkind darfst du auch nicht im Wege stehen, denn das Christkind ist sehr scheu.
So mußte Thomas murrend hinaus auf die Straße, in der heute ein heftiger Winterwind pfiff. Lange trieb er sich so zwischen all den vohlvertrauten Häuserreihen herum, aber wen er auch ansprach, wen er auch fragte - keiner seiner Freunde hatte heute Zeit für ihn. So kam er schließlich zum Rand des kleinen Wäldchens, das zur Heide hinüberführte.
Vergessen war die Vorfreude auf den Weihnachtsbaum und das Christkind. Er hätte nie geglaubt, daß man sich am Heiligen Abend, der langsam hereinbrach, so ratlos und allein fühlen konnte.
Als er sich so gegen den Wind legte und durch den Schnee stapfte, war er bald ein Polarforscher, der, abgeschnitten vom Proviant, seinen Freunden und jeder menschlichen Behausung, Rettung suchte, bald ein Fallensteller, der einsam durch die dichten Wälder Kanadas streifte, seinem Schicksal, der Kälte und den wilden Tieren gnadenlos überlassen.
Ein klägliches Miauen, wie das Wimmern eines kleinen Kindes, holte ihn aus seinen Träumen zurück. Ein schwarzes Köpfchen stieß an sein Bein, eine kleine Pfote tippte an sein Knie, weich und vorsichtig. Ein kleines Schnäuzche mit großen, dunklen Augen schaute ihn forschend an.
Ein mageres, junges Kätzchen hatte seinen Weg gekreuzt, und Thomas, der stehengeblieben war, wurde nun ausführlich, neugierig und herzlich begrüßt, Thomas kniete sich nieder, strich der kleinen Katze über das weiche Fell des Kopfes und fragte: Was machst du denn hier draußen so ganz alein?
Die Frage schien für seinen neuen Katzenfreund nicht sonderlich wichtig zu sein, denn statt einer Antwort verstärkte sich das Reiben an seinem Hosenbein, und es dauerte einen Augenblick, bis Thomas begriff, daß dies hieß: Bitte weiterkraulen - das ist so schön!
Also nahm Thomas die Katze fest in seinen Arm, und ihm wurde ganz warm, als er sie ruhig und zärtlich streichelte, und der kleinen Katze wurde es offensichtlich auch warm, denn ein kleiner Motor tief in ihrem Inneren fing laut und vernehmlich an zu schnurren.
Das war schon ein seltsames Paar an diesem Heiligen Abend: Thomas, der mit beiden Beinen mitten im Schnee kniete und mit seinen von der Kälte roten Händen unbeholfen und doch bedächtig die Katze streichelte, die die Augen geschlossen hielt und über deren Näschen nur ab und zu ein winziges Zucken lief, wohl immer dann, wenn das Streicheln besonders schön wurde.
Thomas' Arme wurden schwer und immer schwerer, aber die Katze machte keine Anstalten, ihren Weg fortzusetzen.
Komm, Katze, du wirst mir zu schwer, und Thomas setzte die magere, kleine Katze vorsichtig auf ihre vier wollenen Pfoten. Die Katze streckte sich genüßlich, guckte ihn aufmunternd an, mauzte und stiefelte mit hochgerecktem Schwanz schnurstracks in den Tannenwald, nicht ohne sich zu vergewissern, daß Thomas ihr neugierig folgte.
So eine Katze hat es im dichten Tannenwald leichte als ein kleiner Junge, da sie sich unten am Boden, wo die Äste nicht so dicht sind, bequem und elegant durchschlängeln kann, während Thomas mühsam die schneebetupften Tannenäste zur Seite schieben mußte.
Schon bald kamen sie auf eine Lichtung, auf der allerhand Gerümpel abgeladen war. Die Katze schaute Thomas forschen an und sprang mit einem leichten Satz in einen alten ausgedienten Autoreifen. So, hier wohnst du also, meinte Thomas und hockte sich neben der kleinen Katze nieder.
Die Kälte kroch ihm langsam in die Kleider, und Thomas dachte an zu Hause und daß man ihn dort sicher schon vermißte. Er stand auf, klopte sich den Schnee von den Kleidern und wollte sich wieder auf den Heimweg machen. Doch kaum hatte er zwei Schritte getan, da kam die Katze mit einem Satz hinter ihm her gerannt und stupste erneut aufgeregt mit ihrem Kopf an Thomas' Knie, was gar nicht so einfach war, denn Thomas, dem es im Wald bei der untergehenden Wintersonne nicht ganz geheuer vorkam, ging nun, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, den ausgefahrenen Weg hinunter in die Stadt.
Thomas kam sich plötzlich ganz hilflos vor, denn was würden Vater und Mutter sagen, wenn er mit seinem neuen Weggenossen nach Hause käme?
Doch auf einmal blieb die Katze stehen, leckte sich hastig ihre Vorderpfoten und schaute Thomas vorwurfsvoll und stumm an, als wenn sie sagen wollte: Kannst doch eine kleine Katze am Heiligen Abend nicht allein im kalten Wald lassen! Sieh mal, wie ich mich putze. Ich mache euch sicherlich den neuen Teppich nicht schmutzig, und ich kann mich auch nützulich machen, denn mir entgeht keine Maus, und vor Hunden, wenn sie nicht gar so groß sind, kann ich dich auch beschützen.
Thomas, der unentschlossen langsam weitergegangen war, ging die wenigen Schritte zurück, nahm das schmale Kätzchen auf und steckte es vorsichtig tief in seine warme Jacke und schritt so, mit diesem warmen Etwas, das sich wohlig im Futter der Jacke zusammengerollt hatte, rasch den ersten Laternen zu.
Als er sich dem Haus der Eltern näherte, konnte er schon von weitem im Wohnzimmer Licht sehen. Und war das nicht der Tannnenbaum, der dort, wo sonst die alte Musiktruhe stand, seine lamettageschmückten Arme in die Luft streckte? Beim Anblick der schönen Christbaumkugeln, die er jetzt ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen hatte, und der Rauschgoldengel, die Mutter liebevoll gebastelt hatte, wäre es Thomas fast wieder ganz weihnachtlich ums Herz geworden, wenn.. ja, wenn sein neuer Freund nicht gewesen wäre, der jetzt hingebungsvoll und zufrieden unter seiner Jacke gähnte und dabei eine knallrote zierliche Zunge sehen ließ, die wie neu aussah.
Es war wohl besser, wenn er die Eltern langsam auf das neue Familienmitglied vorbereitete. Am besten war es, wenn er die Katze im Hof, in der alten Garage, in der nur alter Plunder aufbewahrt wurde, erst einmal versteckte.
Als er vorsichtig am halbgeöffneten Küchenfenster vorbeischlich, kitzhelte ihn ein köstlicher Bratendurft in der Nase und erinnerte ihn daran, daß er seit morgens früh nichts mehr gegessen hatte, und auch da vor lauter Vorfreude und Aufregung viel weniger als sonst.
Vielleicht durfte er auch heute, genau wie die Großen, aus einem der Weingläser trinken, weil heute ein besonderer Tag war.
Aber auch der Katze schien der Duft aus der Küche zu gefallen, denn eine kleine Schnauze schob sich vorsichtig aus der Jacke, und die zugleich neugeirigen und erstaunten Augen, die ganz dunkel geworden waren, schienen zu sagen: Wo drei satt werden, da wird auch ein vierter noch satt!, und so, als ob sie das bekräftigen wollte, ließ sie vorsichtshalber zwei kleine, klägliche Miau-Laute hören.
Nun aber schnell in die Garage, ehe die Eltern etwas merken. Thomas öffnete die knarrige Garagentür nur einen kleinen Spalt und schlüpfte in die modrige Dunkelheit.
Es dauerte eine kleine Weile, bis er in dem kärglichen Licht, das der Mond, unterstützt von der letzten Straßenlaterne, durch die Ritzen warf, seine Umgebung erkennen konnte. Da stand das alte Sofa, auf dem Onkel Karl immer so lauthals geschnarcht hatte, und da die alte Kommoge, in der lange Zeit die Gläser mit dem Eingemachten gestanden hatten. War so eine Kommodenschublade nicht ein idealer Unterschlupt für eine müge, hungrige Katze? Hier mit dem alten Wäschezwickel konnte man das Ganze gut auspolstern, und ein warmes Nest war fertig. Die Katze verfolgte neugierig sein Tun und schnupperte so dicht und eifrig, daß die Nase und der kleine Bart bald grau vom Staub waren, so daß sie wie ein Katzengroßvater aussah.
Bleib schön ruhig, bis ich wiederkomme - es dauert ganz bestimmt nicht lange, flüsterte Thomas ihr zu, schloß das Garagentor und lief schnell zur Haustür, wo er atemlos klingelte. Mutter machte ganz erstaunte Augen: Wir dachten schon, wir müßten den Heiligen Abend ohne dich feiern. Wo warst du denn so lange? Oooch, ich habe mich verlaufen, und als er sah, daß die Mutter ihn ungläubig anschaute, fügte er schnell hinzu: ... und ich habe einer alten Frau über die Straße geholfen.
Gottseidank schaute Mutter ihn nicht allzu prüfend an, sondern sagte nur: Jetzt aber ab mir dir ins Badezimmer. Wir wollen gleich mit dem Abendessen anfangen.
Thomas ging zum Badezimmer, und als er merkte, daß sich die Wohnzimmertür wieder hinter Mutter geschlossen hatte, schlich er in die Küche, nahm den Puter, den Mutter schon festlich auf der guten Porzellanplatte liebevoll mit Salaten geschmückt hatte, stopfte ihn unter die Jacke und sauste wieder zur Tür in den dunklen Hof hinaus.
Die Katze schaute ihm mit hochgestellten Ohren erwartungsvoll entgegen, und ehe sie sich mit wahrem Heißhunger über die kleinen Puterstückchen hermachte, die Thomas ihr von dem Braten abriß, stupste sie ihn noch einmal kurz an, so als ob sie Danke sagen wollte, ohne jedoch dabei die Augen von ihrem Weihnachtsbraten zu lassen.
Ob sich Mutter über den neuen Gast freuen würde? Bei dem Gedanken, was Vater wohl sagen würde, wenn er seinen Puterbraten vermißte, lief Thomas ein ganz seltsames Gefühl vom Nacken bis zum Rücken runter.
Aber konnte denn jemand eine solche Katze nicht mögen, die ihn jetzt satt und zufrieden anschaute, sich auf den Rücken rollte und gemächlich begann, ihre Pfoten zu lecken. Dann wurden gründlich Nase, Ohren und der kleine haarige Brustlatz geleckt, bis sie wohl zufrieden war, aufstand und sich wohlig reckte.
Aber statt nun hilfesuchend wieder unter seine Jacke zu kriechen, schlängelte sich seine Katze flink an ihm vorbei ins Freie, schaute ihn noch einmal prüfend an und stolzierte wohlgemut mit hocherhobenem Schwanz den Hof entlang in die Nacht hinein. Immer kleiner werdend, sah sie von hinten fast so aus, als würde sie, mit sich und der Welt zufrieden, ein Lied pfeifen, und Thomas war sicher: Wenn sie Taschen in ihrem weichen, sauberen Pelz gehabt hätte, sie hätte die kleinen Pfoten unternehmungslustig dort hineingesteckt.
Damit war aber leider auch sein einziger Beweis für seine gute Weihnachtstat verschwunden, und von dem Puter war so arg viel auch nicht mehr übrig, und das, was noch dalag, würde er Vater besser nicht mehr anbieten.
Thomas klingelte mit hängendem Kopf erneut an der Haustür, und es erstaunte ihn nicht, daß hinter Mutter diesmal mit blitzenden Augen Vater stand, der ihn wortlos in die Diele treten ließ. Sicher hat der junge Herr diesmal einem alten Mann über die Straße geholfen! sagte der Vater ganz leise. Thomas schien es das klügste zu sein, den Kopf noch eine Spur mehr zu senken, und er erwiderte kleinlauter, als ihm eigentlich zumute war: Das war gelogen - aber Notlügen sind manchmal erlaubt. Das hast du selbst gesagt.
Und ehe Vater noch schimpfen konnte, erzählte Thomas die Geschichte von Anfang an, und damit Vater seinen guten Willen sah, hielt Thomas ihm die Reste des Weihnachtsbratens entgegen. Um Vaters Mundwinkel zuckte es, genauso wie damals, als Tante Elise mit ihrem neuen Sommerkleid in den kleinen Tümpel gefallen war, und Thomas wußte, daß das Schlimmste überstanden war.
Als Vater später aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vorlas und an die Stelle kam, an der die Heiligen Drei Könige dem kleinen Kind in der Krippe zlu Bethlehem ihre Gaben darbrachten, da stieß er Mutter verstohlen unter dem Tisch an - und Thomas tat, als merkte er das nicht. Weil doch Eltern denken, sie sind schlauer als ihre Kinder.
Thomas schaute noch viele Jahre am Heiligen Abend, ob die kleine, lustige und mutige Katze auf ihn wartete, aber er hat sie nie mehr gesehen.