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Zuletzt aktualisiert
26.09.2018

Weihnachtsmann, meine schönste Rolle

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von Jay Frankston

Es gibt nichts schöneres als den Traum der Kinder vom Weihnachtsmann. Ich weiß es, denn ich habe ihn selbst oft geträumt. Aber ich bin Jude, und meine Eltern feierten Weihnachten nicht. Für alle anderen war es ein Fest, nur ich fühlte mich ausgeschlossen, weil ich nicht eingeladen war. Es ging mir nicht um die Spielsachen, sondern um den Weihnachtsmann und den Weihnachtsbaum.
Als ich dann verheiratet war und Kinder hatte, beschloss ich das versäumte nachzuholen. Ich fing mit einer mehr als zwei Meter hohen Tanne an, die über und über mit Lichtern und Lametta geschmückt war. Das war 1956, und wir lebten damals in New York. Meine Tochter Claire war erst 2 Jahre alt, aber sie schaute mit leuchtend Augen auf den Baum. Er strömte eine Behaglichkeit aus, die in allen Ecken des Hauses zu spüren war. Aufs seiner Spitze steckte ich einen Davidstern, um meine jüdischen Gäste zu besänftigen, die an der Pracht Anstoß nahmen. Vor dem glitzernden Baum wurde mir warm ums Herz, denn nun fand das Fest in meinem Haus statt, und jedermann war dazu eingeladen.
Doch etwas fehlte noch, etwas Dickes, Rundes, Fröhliches mit Schlittenglöckchen und Hüh-Rufen. Also kaufte ich einen leuchtendroten Stoff, aus dem meine Frau mir ein Kostüm nähte. Kissen machten meinen dünnen Körper füllig, und eine Maske mit Bart und wallendem weißen Haar ließ mich so echt aussehen, dass ein Kind wirklich an den Weihnachtsmann glauben konnte. Als ich in den Spiegel blickte, stand er leibhaftig vor mir: der Weihnachtsmann meiner Kindheit. Ich lehnte mich zurück und schob den Kissenbauch vor. Meine Stimme wurde tiefer und klangvoller. "Allen frohe Weihnachten."
Claire war fast vier und Danny noch nicht ein Jahr, als der Weihnachtsmann zum erstenmal zu uns kam. Ehrfürchtig saßen sie da, und in ihren Augen konnte ich die Ausstrahlung und den Zauber dessen erkenn, der ich geworden war. Der Weihnachtsmann war etwas besonderes. Er verkörperte Güte und Sanftmut, und er machte auch ein bischen Angst. Zwei Jahre lang spielte ich den Weihnachtsmann für meine Kinder, zu ihrer Furcht und ihrem Entzücken und zu meiner reinen Freude.
Als sich das dritte Jahr dem Ende näherte, war der Weihnachtsmann in mir zu einer eigenen Persönlichkeit herangereift und brauchte ein größeres Betätigungsfeld. Daher suche ich für ihn nach einer Möglichkeit, wie er seine Aufgabe auch bei anderen Kindern erfüllen konnte. Im November beobachtete ich ein kleines Mädchen, das sich zu einem Briefkastenschlitz hochreckte und sagte:"Mutti, wird der Weihnachtsmann meinen Brief auch bestimmt bekommen?" Meine Gedanken begannen zu kreisen. Was geschieht mit diesen Briefen? Ein Anruf bei der Postverwaltung beantwortete meine Frage. In der Abteilung für unzustellbare Briefe stapelten sich Tausende in riesigen Säcken. Der Weihnachtsmann in mir machte ho! ho!ho!, und wir gingen zum Postamt.
Als ich in den Briefen herumstöberte, ließen mich die Wunschzettel und die Habgier so vieler verwöhnter Kinder etwas unbehaglich fühlen. In den meisten Briefen hieß es: "Bring mir dies, bring mir das, bring mir jenes!" Doch aus der Tiefe des Postsacks hörte der Weihnachtsmann in mir eine Stimme. So suchte ich weiter, bis ich auf einen Brief stieß, der mich aufrüttelte:"Lieber Weihnachtsmann, ich bin ein elfjähriges Mädchen und habe zwei kleine Brüder und eine Schwester, die noch ein Baby ist. Letztes Jahr ist mein Vater gestorben, und meine Mutter ist krank. Ich weiß, dass viele noch ärmer sind als wir, und ich möchte nichts für mich. Aber könntest du uns nicht eine Decke schicken? Mutti friert nachts immer so." Die Zeilen waren mit Suzy unterschrieben. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich wühlte weiter in den Postsäcken und fand noch acht ähnliche Briefe mit Hilferufen aus tiefer Armut. Ich nahm sie an mich und schickte jedem Kind ein Telegramm:"Habe Deinen Brief erhalten. Werde zu Dir kommen. Warte auf mich. Der Weihnachtsmann." Ich wusste, dass es mir unmöglich war, alle Bedürfnisse dieser Kinder zu erfüllen. Doch wenn ich ihnen wenigstens etwas Hoffnung bringen und ihnen das Gefühl geben konnte, dass ihre Hilferufe nicht ungehört verhallen.....
Mit 150 Dollar machte ich mich auf den Weg, um Geschenke zu kaufen. Am ersten Weihnachtsfeiertag fuhr mich meine Frau von Haus zu Haus. In der Nacht hatte es geschneit, und auf den Straßen lag nun eine dicke weiße Puderschicht. Mein erster Auftrag führte mich in die Außenbezirke der Stadt. Peter Barski hatte in seinem Brief geschrieben:"Lieber Weihnachtsmann, ich bin zehn Jahre alt und ein Einzelkind. Wir sind gerade erst hierhergezogen, und ich habe noch keine Freunde. Ich bin nicht traurig, weil ich arm, sondern weil ich einsam bin. Ich weiß, dass Du viele Leute besuchen musst. So frage ich gar nicht erst, ob Du zu mir kommen oder etwas mitbringen kannst. Aber könntest Du mir nicht einen Brief schreiben, damit ich weiß, dass es Dich gibt?" "Lieber Peter", begann mein Telegramm. "Es gibt mich nicht nur, sondern ich werde auch an Weihnachten bei dir sein. Warte auf mich."
Das Haus, in dem Peter wohnte, war zwischen zwei hohen Gebäuden eingezwängt. Es hatte ein Wellblechdach und war eher eine Baracke als ein Haus. Mit einem Sack voller Spielsachen über der Schulter stieg ich die Stufen hinauf und klopfte an. Ein schwergewichtiger Mann öffnete die Tür. "Boze moj", sagte er erstaunt auf polnisch, das bedeutet "mein Gott". Dann hielt er die Hand vors Gesicht und stotterte: "Bitte, der Junge... in der Messe. Ich werde ihn holen. Bitte warten Sie." Er warf sich einen Mantel über, vergewisserte sich, dass ich warten würde, und lief die Straße hinunter. Gut gelaunt blieb ich vor dem Haus stehen. Da bemerkte ich auf der anderen Straßenseite noch eine Baracke. An der Fensterscheibe konnte ich kleine schwarze Gesichter sehen, die mir zuwinkten. Schüchtern wurde die Tür geöffnet, und mehrere Stimmen riefen:"Hallo, Weihnachtsmann!" Ho! ho! ho! frohlockte es in mir, als ich hinüberging. Eine Frau bat mich hinein, und ich folgte ihr. Drinnen waren fünf Kinder zwischen eins und sieben Jahren. Ich erzählte ihnen vom Weihnachtsmann und dem Geist der Liebe, der das Fest durchdringt. Als ich das zerrissene Geschenkpapier sah, fragte ich sie, ob ihnen die Gaben des Weihnachtsmanns gefielen. Alle bedankten sich bei mir - für die Wollsocken, den Pullover und die warme Unterwäsche. "Habe ich euch denn keine Spielsachen mitgebracht?" Traurig schüttelten sie den Kopf. "Hoppla, da ist wohl etwas falsch gelaufen", sagte ich. "Das müssen wir in Ordnung bringen." Weil ich wusste, dass wir noch Geschenke im Auto hatten, gab ich jedem Kind ein Spielzeug. Das war ein Lachen und eine Freude, aber als der Weihnachtsmann wieder aufbrechen wollte, bemerkte er ein weinendes Mädchen. Ich beugte mich zu ihm hinunter. "Was ist denn los?" "Ach, lieber Weihnachtsmann", schluchzte sie. "Ich bin so glücklich:" Unter meiner Gummimaske liefen ebenfalls die Tränen.
Als ich auf die Straße trat, hörte ich Herrn Barski auf der gegenüberliegenden Seite: "Panie, panie, prosze...mein Herr, mein Herr, bitte!" Peter stand da und schaute, wie der Weihnachtsmann ins Haus trat. "Du bist gekommen", sagte er. "Ich habe geschrieben, und....du bist gekommen." Als er sich wieder gefangen hatte, sprach ich mit ihm über Einsamkeit und Freundschaft und gab ihm einen Chemiekasten und einen Basketball. Verwirrt bedankte er sich. Seine Mutter fragte ihren Mann etwas auf polnisch. Da meine Eltern Polen waren, spreche ich selbst ein bischen polnisch und verstehe das meiste. "Vom Nordpol", sagte ich auf polnisch. Sie sah mich erstaunt an. "Sie sprechen polnisch?" "Natürlich, der Weihnachtsmann kann alle Sprachen", sagte ich und ließ sie fröhlich und verwundert zurück.
Als im folgenden Jahr die Weihnachtszeit näher rückte, spürte ich eine innere Aufregung und wusste, dass der Weihnachtsmann in mir zurückgekehrt war. So ging ich also wieder zum Postamt und las die herzzerreißenden Briefe. Ich hatte so viel Freude daran, den Weihnachtsmann zu spielen, dass ich in den folgenden Jahren weiterhin in seine Rolle schlüpfte.
Als Claire zehn Jahre alt war, gab sie mir ein Gedicht, das mit den Worten begann: "An den Weihnachtsmann glaub' ich nicht mehr, aber lieben tu ich ihn sehr, weil's mein Vati ist. Ho! ho! ho!" Nun wusste sie es also. Ich führte sie in mein Spielzeuglager im Keller und ließ sie im Laden des Weihnachtsmanns herumstöbern. Sie bekam ganz große Augen über all die vielen Sachen, las die Briefe, weinte mit mir und wurde eine wichtige Hilfe. Sie suchte Spielzeug aus und verpackte es.
Zwölf Jahre lang besuchte ich Kinder, lauschte auf ihre Schreie in ungeöffneten Briefumschlägen, beantwortete so viele Hilferufe wie möglich und ärgerte mich, dass ich nicht allen antworten konnte. Allmählich sprachen sich meine Auftritte herum, und Spielzeughersteller schickten mir ganze Kisten mit Geschenken. War ich anfangs in 20 Häusern gewesen, so wurden daraus 120 Besuche, von einer Tür zur anderen, in allen Ecken von New York, von Heiligabend bis zum Ende des ersten Weihnachtsfeiertags.
Bei meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren wusste ich schon, dass es in der Familie vier Kinder gab, und war entsprechend vorbereitet. Das Haus war klein und bescheiden eingerichtet. Die Kinder hatten schon den ganzen Tag gewartet, immer wieder das Telegramm gelesen und ihrer skeptischen Mutter beteuert: "Er kommt bestimmt, Mutti, er kommt bestimmt." Auf mein Klingelzeichen geht die Tür weit auf. Alle greifen nach meinen Händen und halten sie fest. "Hallo, lieber Weihnachtsmann. Wie haben es gewusst, dass du kommst." Die armen Kinder strahlen vor Freude und jauchzen. Ich nehme sie der Reihe nach auf den Schoß und erzähle Geschichten über die Freude, das Hoffen und Warten, und alle bekommen ein Spielzeug.
Während der ganzen Zeit steht ein fünftes Kind in der Ecke, ein hübsches Mädchen mit blondem Haar und blauen Augen. Ich wende mich an sie und sage: "Du gehörst nicht zur Familie, oder?" Betrübt schüttelt sie den Kopf und flüstert: "Nein." "Wie heißt du denn?" frage ich. "Lisa." "Und wie alt bist du?" "Sieben." "Komm her, und setz'dich auf meinen Schoß." Sie zögert, aber dann kommt sie. "Hast du zu Weihnachten etwas zum spielen bekommen?" frage ich. "Nein", sagt sie, und so hole ich eine wunderschöne große Puppe hervor. "Möchtest du diese Puppe?" "Nein", sagt sie. Und sie kommt noch näher und flüstert mir ins Ohr: "Ich bin Jüdin." Da stupse ich sie an und sage ganz leise: "Ich bin auch Jude." Lisa lächelt breit von einem Ohr zum anderen. Sie nimmt die Puppe, umarmt sie und läuft hinaus. Ich weiß nicht, wer glücklicher ist, sie oder der Weihnachtsmann in mir.

Frohe Weihnachten, Ihnen allen.