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Zuletzt aktualisiert
26.09.2018

Weihnachtsplätzchen

Gefunden auf www.weihnachtsstadt.de
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Gretchen Grosser

Wir haben früher zu Hause nie Plätzchen gebacken, nicht einmal zu Weihnachten. Als ich dann als junge Frau verheiratet war, musste ich plötzlich in der Adventszeit Plätzchen für Weihnachten backen. Mein Mann bestand darauf. Er kannte es einfach nicht anders. In seiner verlorenen Heimat Schlesien lagen auf dem Weihnachtsteller keine gekauften Platzla, nein, diese wurden immer selbst gebacken.

Nun war guter Rat teuer. Ein Rezept für den Teig hatte ich nicht, und ich mochte auch nicht meine Schwiegermutter fragen. Es war mir ja zu peinlich, dass ich keine Plätzchen backen konnte. So versuchte ich mein Glück, als ich ganz allein zu Hause war. Ich rührte einen Topfkuchenteig zurecht. Sechs Eier hatte ich dafür gebraucht. Daher musste ich eine große Menge Mehl in den Teig hineinarbeiten, damit er fest genug war, um ihn auf dem Tisch ausrollen zu können. Es klappte auch ganz gut. Ich stach mit einem Wasserglas Plätzchen aus. Schon bald schob ich eine ganze Platte voll kleiner Kuchen in den Backofen unseres Kohleherdes.

Als mein Mann am späten Nachmittag von seiner Arbeit nach Hause kam, freute er sich, dass es in unserer kleinen Küche schon so weihnachtlich duftete. Schmecken die Platzla auch so gut wie sie aussehen und duften? fragte mein Mann, darf ich auch einmal probieren oder gibt es die erst Weihnachten? Sicher darfst Du davon kosten, Theo, sag’ aber bitte nicht schon einmal wieder: Meine Mutter macht das aber besser. Nein Schörg, Deine Plätzchen schmecken gut, sie sind nur ein wenig härter als üblich. Das hast Du gut gemacht. Ich weiß nicht, mein Schatz, daß die Kuchen so hart sind, habe ich auch schon beim Probieren festgestellt, vielleicht werden die später weicher, meinte ich.

Nachdem wir dann miteinander Tee getrunken hatten, half mein Mann mir noch, die fertigen Plätzchen mit Puderzucker zu bestreichen. Meine Teigkugel, die noch auf dem Tisch lag, hatte so lange Pause gehabt. Sie war indessen weicher geworden, ich mußte wieder Mehl unterkneten, um ihn ausrollen zu können. Dann ging mir auf einmal das Mehl aus, die Tüte war leer. Ich fahr schnell zu meiner Muuke und hole Dir Mehl, sie hat immer genug im Hause, sagte mein Mann und schwang sich schon bald auf sein Fahrrad. Er kam eigentlich ganz schnell wieder heim, es wunderte mich, daß er nun so flink wieder bei mir war. Schörg, sagte er, hier hast Du Mehl, stell Deinen Teigkloß jetzt aber in den Schrank, morgen ist auch noch ein Tag. Dann kannst Du weitermachen. (Mein Mann schwärmte schon immer so sehr für die Filmschauspielerin Gretl Schörg. Deswegen bekam ich von ihm auch wohl den Kosenamen.)

Am anderen Morgen fuhr mein Theo wieder früh zur Arbeit, und ich fing sofort an, Plätzchen zu backen. Während ich so allmählich vom Plätzchenbacken die Nase gestrichen voll hatte, kam für mich ganz unvorhergesehen meine Schwiegermutter zu Besuch. Ganz sicher hatte mein Mann ihr erzählt, wie ich Plätzchen backe und ihr gesagt, daß sie bei mir vorbeischauen soll. Sie staunte über die vielen Plätzchen, die ich gebacken hatte. Alle Dosen und Trommeln, die in meinem Haushalt zu finden waren, hatte ich vollgepackt. Ich musste sogar noch unsere Suppenterrinen zweckentfremden.
Darf ich denn auch mal ein Plätzchen kosten, Madla? fragte sie. Na klar, anwortete ich, Mama, paß aber auf, daß Du Dir nicht die Zähne ausbeißt! riet ich meiner Schwiegermutter. Du hast recht, Gretel, da hast Du aber was nicht richtig gemacht. Die sind verpucht hart. Du hast bestimmt viel zu wenig Butter genommen und viel zu viel Mehl. Sechs Eier habe ich genommen, damit die Plätzchen besonders gut werden sollten, sagte ich. Madla, ein Ei wäre genug gewesen, mit 6 Eiern hattest Du ja viel zu viel Flüssigkeit. Ach Mutter, hätte ich Dich doch vorher nach dem Rezept gefragt. Meine ganze Mühe war für die Katz, resignierte ich traurig. Weißt Du was, mein Kind, heute Nachmittag backen wir beide miteinander Weihnachtsplätzchen. Du kommst einfach zu mir. Ich habe alles dafür im Hause. Nur gute Butter fehlt mir, die werde ich nun noch schnell einkaufen. Wir können dann auch richtig weihnachtlich aussehende Platzla backen, ich habe verschiedene Ausstech-Förmchen dafür. Jetzt war ich aber froh über diesen Besuch. Bis heute Nachmittag, Gretel, rief meine Schwiegermutter mir noch im Wegfahren zu, schmeiß den restlichen Teig Euren Hühnern zu. Das habe ich dann auch gemacht, und unsere Tüties haben sich gleich eifrig über die süße Mahlzeit hergemacht.

Nun freute ich mich schon sehr auf den Nachmittag bei meiner Schwiegermutter. Sie hat mir dann beim Backen erzählt, daß sie so gern Konditorin geworden wäre. Das bist Du doch auch geworden, ohne daß Du eine Lehre gemacht hast, sagte ich ihr, Du kannst Plätzchen, Torten und Sträßelkucha backen, oft besser als ein gelernter Bäcker! Sie lächelte und freute sich über mein Kompliment. Die Plätzchen, die wir an diesem Nachmittag miteinander gebacken haben, sahen nicht nur wunderschön aus, nein, die schmeckten auch hervorragend.
Meine Kuchen hielten sich dafür aber viel länger. Die waren soo hart. Damit hätte ich wohl die Bundeswehr beliefern können. Die hat auch so harte Dauerplätzchen. Ich glaube aber, meine waren noch viel, viel härter. Weggeworfen wurden sie aber nicht, aber auch keinem Besuch angeboten. Mein Mann und ich haben sie so nach und nach gegessen, nachdem wir sie in Tee tunkten.

Nach diesem Reinfall habe ich nie wieder Plätzchen gebacken, brauchte es aber auch nicht mehr. Meine Schwiegereltern zogen mit uns in unser neugebautes Haus. So hatte ich nun eine Bäckerin, Konditorin und auch Köchin im eigenen Hause, die nach schlesischen Rezepten leidenschaftlich gern für mich mitgebacken und -gekocht hat.